Von Sigmund Chabrowski

Die 35 Mitarbeiter des Gesamtverbandes Gemeinnütziger Wohnungsunternehmen – „von den kleinen Verbänden ist er einer der größten“ – blicken sorgenvoll in die Zukunft. Wer wird ihr neuer Chef, wer wird Nachfolger des verstorbenen Verbandsdirektors Dr. Julius Brecht Diese Nachfolgefrage ist nun schon seit vielen Monaten ungeklärt. Nicht nur in der hohen Politik, auch in Wirtschaft und Verbänden sind qualifizierte Führungspersönlichkeiten offenbar rar.

Aber nicht nur die Angestellten des Verbandes machen sich sorgenschwere Gedanken – die rund 600 Wohnungsbaugesellschaften der Bundesrepublik nicht minder, die naturgemäß am weiteren Schicksal und Kurs ihres Spitzenverbandes gleichfalls lebhaften Anteil nehmen. Über die regionalen Prüfungsverbände der Wohnungswirtschaft – neun an der Zahl – sind sie sozusagen indirekte Mitglieder des Kölner Gesamtverbandes. Ende 1961 verwalteten sie einen Wohnungsbestand von 1,46 Mill. Einheiten, ihre Gesamtbauleistung belief sich in der Zeit von 1949 bis 1962 auf rund 2,46 Mill. Wohnungen. Diese beiden Zahlen mögen genügen, die „Potenz“ der gemeinnützigen Wohnungswirtschaft und damit auch die wahre Bedeutung des Gesamtverbandes zu illustrieren.

Und dieser Spitzenverband der gemeinnützigen Wohnungswirtschaft ist nun „führungslos“. Als „amtierender“ Verbandsdirektor fungiert Geschäftsführer Franz A. C. Riebandt – aber das soll nur ein Provisorium sein.

Eine Führungskrise just zu einer Zeit, da die „Gemeinnützigen“ mehr denn je „Gefahren“ ausgesetzt sind. Sie sollen – wie es eine Gruppe von CDU-Abgeordneten wünscht – gesetzlich gezwungen werden, Teile ihres Wohnungsbestandes an eigentumswillige Mieter zu veräußern. Zum anderen plant der Bundeswohnungsminister ein „Ordnungsgesetz“, mit dem die Gemeinnützigkeit im Wohnungswesen neu geregelt und stärker eigentumspolitisch orientiert werden soll.

Das rührt an den Nerv und die jahrhundertealte Tradition der „Gemeinnützigen“. Sie wurde eigentlich schon von Jakob Fugger begründet, der im Jahre 1511 das Kapital zum Bau von 106 Wohnungen für sozialschwache Mieter – Angehörige seines Handelshauses – „stiftete“. Es grenzt fast an Selbstmord, wenn sich in einer solchen Situation die gemeinnützige Wohnungswirtschaft über die Person ihres ersten Repräsentanten zu zerstreiten beginnt. Tatsächlich glauben Beobachter, in der Organisation der gemeinnützigen Wohnungswirtschaft schon jetzt gewisse Zerfallserscheinungen konstatieren zu können.

Schließlich ist auch die politisch interessierte Öffentlichkeit an den „Diadochenkämpfen“ im Gesamtverband Gemeinnütziger Wohnungsunternehmen interessiert. Spitzen sich doch diese Auseinandersetzungen auf eine interessante parteipolitische Frage zu: Soll wieder ein Sozialdemokrat – wie bisher Dr. Brecht, der Wohnungsexperte der sozialdemokratischen Bundestagsfraktion – an die Macht gebracht werden, oder ein „verdientes“ CDU-Mitglied, oder ein Vertreter der gleichfalls interessierten Länderbürokratie?