Gesamtausgaben sind nicht das schlechteste Mittel, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Da nun einmal bewältigt werden muß – „So will es der Geist und die reifende Zeit“, heißt es bei Hölderlin; auch dient es dem Umsatz – ist es immerhin weniger beschwerlich, mit der Vergangenheit anzubinden als mit der Gegenwart, sie an ihren schwächsten Stellen zu packen und sich von ihren stärksten Stellen packen zu lassen.

Überdies bieten solche Sammlungen einen selten verschmähten Anlaß, sich Gedanken über modern und zeitgemäß zu machen, wiewohl es vielleicht schon genügt, sich zu vergegenwärtigen, daß der noch in jedem Jahrzehnt totgesagte und immer wieder als zeitnah ausgerufene Ibsen vier Jahre vor Goethes Tod zur Welt kam. Oder daß Arthur Schnitzler, dessen Bühnenwirkungen nicht nur in Greisenerinnerungen fortleben, vor etwas über hundert Jahren geboren wurde.

Seine sämtlichen Dramen liegen nun, neu gesammelt, vor –

Arthur Schnitzler: „Die dramatischen Werke“, zwei Bände im Schuber; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 2132 S., 78,– DM

in einer geschmackvollen Dünndruckausgabe, als Gegenstück zu den zwei Bänden seiner erzählenden Werke. Die neue Ausgabe enthält rund dreißig Theaterstücke: Renaissancetragödien und Rokokolustspiele in Versen, Zyklen wie „Anatol“ und „Reigen“, Salondramen, Komödien – und von diesen dreißig Stücken handeln höchstens sechs nicht von unglücklicher Liebe und Ehebruch, teils gerade im Gange, teils als alte Schuld, die Sühne fordert, von gebrochenen Herzen und dem, was man einst Fehltritt nannte. Und gerade diese Stücke, in denen sich nicht alles um die Liebe dreht, sind wahrscheinlich die besten, die Arthur Schnitzler geschrieben hat.

Man hat ihm immer wieder zum Vorwurf gemacht, was man doch immer wieder von ihm erwartete: das ewige Lied von Liebe, Spiel und Tod, und er selbst hat sich in einem melancholischen Versspruch verteidigt, auch darin sei alle Wahrheit und aller Sinn enthalten. Damit ist er nicht der Welt und noch weniger sich selbst gerecht geworden: Seine Welt ist an der Tür eines „elegant eingerichteten Wohnzimmers“ zu Ende, als gäbe es hinter ihr kein Draußen – aber was er, mit seinem Instinkt für die große dramatische Situation, hätte gestalten können, wenn er die Salontür hinter sich zugeschlagen hätte, zeigt sich an dem unvergleichlichen Geschick, mit dem er die geschichtlichen Gewalten und das Einzelschicksal zu verknüpfen verstand, wie in dem Revolutions-Einakter „Der grüne Kakadu“, in den Volksszenen des napoleonischen „Jungen Medardus“, ja selbst – bei allem fadenscheinig gewordenen Liberalismus – in den gültig gebliebenen Zeitstücken „Professor Bernhardi“ mit seinen glänzend beobachteten Nebenfiguren oder in der Journalistenkomödie „Fink und Fliederbusch“, in der ein Zeitungsschreiber seine eigenen Artikel in einem Konkurrenzblatt angreift und sich schließlich mit sich selber duellieren muß. Selbst wo sich Schnitzler als Puppenspieler gibt, wie in der eines Goldoni würdigen Kleinigkeit „Der tapfere Cassian“ oder in der Persiflage „Zum Großen Wurstel“, die an Nestroy heranreicht, ist er dem allgemein Menschlichen näher als in den privat bleibenden Privatangelegenheiten, um die es in seinen berühmtesten Stücken geht.

Es war sein Verhängnis, daß es ihn vom Volkstümlichen weg zu den feinen Leuten mit den vornehmsten Namen zog und daß er immer mehr die Burgtheater-Diktion im Ohr hatte, die selber schon zur Travestie, geworden war. („Meinst, du, sie würde erschrecken, wenn ich so unerwartet vor sie hinträte?“ fragt der heimkehrende Sohn zu Beginn des erfolgreichen Schauspiels „Der einsame Weg“.)