Von Kurt Döring

Der Bundeswirtschaftsminister hätte es sich diesmal zur Eröffnung der Industriemesse in Hannover am kommenden’ Sonntag einfach machen können: Er hätte seine Rede aus dem Jahre 1953 hervorholen und ihre Aktualität bewundern können. Diese Messe, so hatte Professor Erhard vor genau zehn Jahren in Hannover gesagt, fällt in eine Zeit, in der sich nicht nur die Natur neu belebt, „sondern in der auch in den Herzen der Wirtschaft und Menschen wieder Hoffnung auflebt; nach einem Winter, der allenthalben doch erfüllt war von mancher Sorge, ob denn der wirtschaftliche Aufschwung ... weiter anhalten wird, oder ob nicht nach einem mir unerklärlichen Gesetz schließlich doch einmal wieder ein Niedergang, eine Flaute kommen müßte“. Mit einer Zuversicht, die sich rasch auf seine Zuhörer übertrug, sagte Erhard in jenem Augenblick der ernsten Belastungsprobe seiner Wirtschaftspolitik, er glaube heute, daß wir diese bedenkliche „Phase des Zweifeins und der mangelnden Zuversicht überwunden haben“.

So spontan hatte allerdings die „Gesundbeterei“ nicht gewirkt, denn der westdeutsche Industrieumsatz brachte es 1953 nur auf die damals recht bescheidene Zuwachsrate von knapp 6 %. Erst das Jahr 1954 wurde von einer neuen Welle des industriellen Aufschwungs erfaßt. – Professor Erhard wird von allen Versuchungen, Parallelen zwischen 1953 und 1963 zu ziehen, verschont bleiben; denn die Messe 1963 wird am 28. April nicht von ihm, sondern vom Bundespräsidenten eröffnet.

Zwischen der Konjunktur im Frühjahr 1953 und heute verdient vor allem ein Unterschied Beachtung: Damals gab es in der Bundesrepublik noch über eine Million Arbeitslose und einen anhaltenden Zustrom von Menschen aus der Zone. Heute steht hinter jeder stärkeren konjunkturellen Belebung die Sorge vor weiter steigenden Löhnen und Preisen vor einer Überhitzung, wie sie uns im Hochbau auch in diesem Jahr wieder bevorsteht.

Die Frage nach dem Stand der Konjunktur wird auf der Hannover-Messe im Vordergrund stehen. Es gibt skeptische Stimmen – aber auch Optimisten, die sich von der Frühjahrsbelebung so etwas wie einen Stimmungsumschwung erhoffen. Die in Hannover ausstellenden deutschen Firmen – es sind rund 4400 – repräsentieren einen großen Teil unserer Industrie; denn in ihnen sind etwa die Hälfte aller westdeutschen Industrie-Beschäftigten tätig. Also nicht nur die Branchenschwerpunkte Maschinenbau, Elektroindustrie, Chemie, Eisen und Stahl geben dem zehntägigen Messegeschehen in Hannover eine so große Bedeutung.

Trotz ihrer strengen Fachlichkeit hat die Messe auch eine subjektive, emotionale Seite. Und hierauf gründen vor allem die Optimisten ihre Hoffnungen auf eine Verstärkung der belebenden Impulse. Die sehr sorgfältigen, und neuerdings auch veröffentlichten Analysen der Messegespräche durch Marktforschungsunternehmen zeige, daß auch auf einem Messeplatz, dessen Bild Großfirmen prägen, spontane Entscheidungen zur Regel gehören. Messe-Vorstandsmitglied Prof. Mößner hat das so beschrieben:

„Durch das Zusammentreffen von Geschäftsleuten aus den verschiedensten Spezialgebieten, ans allen kommerziellen und technischen Bereichen... in so großer Zahl, zu gleicher. Zeit, am selben Ort, entstehen hier eine Fülle von Eindrücken, eine Dichte der Meinungsbildung, spontane Reaktionen auf Veränderungen und Neuentwicklungen ... die in dieser Unmittelbarkeit und Schnelligkeit nur noch in etwa auf einem Weltbörsenplatz anzutreffen sind.“