In dem Bemühen, der deutschen Sprache weitmännischen Schliff zu geben, treibt man es manchmal, weit. Wer sich etwa den Anschein geben will, mit dem englischen Wesen vertraut zu sein, sagt und schreibt „typische Untertreibung“, zum Beispiel als Kommentar zu einer nüchternen Erklärung Macmillans oder Kennedys. Es hört sich an wie ein neuartiges Vergehen, das etwa zwischen Unterschlagung (embezzlement) und Abtreibung (abortion) liegt. Gemeint ist allerdings das englische „understatement“, also eine gemäßigte Erklärung, eine gedämpfte Behauptung, eine (bewußte) Unterschätzung des Sachverhalts.

Nun ist „Understatement“ mitnichten ein Gegensatz zu „exaggeration“ (Übertreibung). Ich gehe vielleicht etwas zu weit in einer Beurteilung – I overstate my case –, aber das ist noch keine Übertreibung, no exaggeration. Das Gegenteil von einem „Understatement“ ist das „overstatement“, also eine zu stark betonte Feststellung, eine übertriebene Bewertung, in der die gleichen Tatsachen über Gebühr dargestellt oder eingeschätzt werden, während eine Übertreibung (exaggeration) eine Verzerrung der Tatsachen selbst ist, ganz gleich, ob diese dabei vergrößert oder verkleinert werden.

Wenn ich bei zwei Grad Kälte behaupte, es sei warm wie im Hochsommer oder so kalt wie am Nordpol, dann übertreibe ich in beiden Fällen. Das Wetter ist aber eine viel zu heikle Angelegenheit, als daß der Engländer, dem zwei Grad Kälte im Juli nicht unbekannt sind, sich zu einer solchen Übertreibung hinreißen lassen würde. Je nach Laune sagt er vielleicht: Not a bit like summer oder at least it’s better than rain (kein bißchen wie im Sommer, wenigstens besser als Regen). Er möchte die Sache nicht hochspielen, sondern sich damit abfinden, sachlich und leidenschaftslos – und das und nichts anderes ist ein typisches englisches „understatement“. Michael Stone