Köln

Zuerst ganz heimlich, damit niemand etwas merkte, in der vergangenen Woche öffentlich, um unangenehmen Fragen vorzubeugen, hat das nordrhein-westfälische Bauministerium seine Prüfer ausgeschickt. Mit ernsten Mienen reisen einige Herren der Bauaufsichtsbehörde durchs Land und tupfen Betondecken mit einer chemischen Flüssigkeit ab. Nach einer Anordnung des Bauministeriums vom 4. April, die zwei Wochen später veröffentlicht wurde, träufeln die Abtupfer die Flüssigkeit auf vierzehn Stalldecken, eine Wohnung, eine Scheune, ein Kino, eine Fabrikhalle und 28 Schulen, Schul- und Jugendheime. Bei neun von den 28 Schulen ist den Abtupfern kein Zweifel mehr möglich: Durch das Indicator-Verfahren wurde festgestellt, daß beim Bau der Betondecken Tonerde-Schmelzzement verwandt wurde, jener Stoff also, der in Bayern den Bauskandal verursacht hat und in Ingenieurkreisen seitdem nur noch „Contergan-Zement“ genannt wird – „weil niemand etwas dafür kann“.

Im Sommer 1961 fiel der erste Betonklotz in einem bayerischen Stall und erschlug vier Stück Vieh. Als sich der gleiche Vorfall am 2. Dezember 1962 zum siebenten Male wiederholte, griff die bayerische Landesregierung ein und stellte Untersuchungen an, da für die Deckenträger aus Spannbeton in allen Fällen Tonerde-Schmelzzement (TS-Zement) als Bindemittel verwandt worden war.

In Nordrhein-Westfalen ist noch kein Betonklotz gefallen. Ein Trost ist das jedoch nicht. Denn nach den bayerischen Erfahrungen macht sich der Einsturz nicht durch das geringste Warnzeichen bemerkbar. Die Meldungen aus Bayern ließen die Herren im Düsseldorfer Bauministerium schaudern. Denn auch in ihrem Lande ist TS-Zement als Bindemittel für Stahlbeton bis Juli 1962 offiziell zugelassen gewesen. Ende Februar diesen Jahres ließ deshalb Ministerialdirigent Keil die Montagedeckenhersteller aus Nordrhein-Westfalen einzeln und streng geheim ins Bauministerium nach Düsseldorf rufen. Von ihnen wollte er wissen, welche Bauprojekte sie mit Montagedecken, bei denen TS-Zement verwandt worden war, beliefert hätten. So genau konnten jedoch die Hersteller, von denen es in Nordrhein-Westfalen ein rundes Dutzend gibt, die Frage nicht beantworten. Nach ihren Schätzungen wurden in den vergangenen zehn Jahren rund eine Million Quadratmeter Montagedecken eingebaut. Der Anteil der Stahlbetonträger, die mit TS-Zement gebaut wurden, ist zwar gering, läßt sich aber durch Unterlagen nicht nachweisen.

Ein Ingenieur erklärte: „Unsere Träger werden nicht auftragsweise produziert und ausgeliefert. Sie gehen zunächst vielmehr auf Lager, wobei Träger aus verschiedenen Zementsorten nicht getrennt gelagert werden. Und man schreibt natürlich auch nicht dran, ob dabei TS-Zement oder Normalzement verwandt wurde.“ TS-Zement ist dreimal so teuer wie Normalzement, hatte jedoch für die Deckenhersteller große Vorteile. Während Normalzement in zwei Tagen abbindet und dazu eine Temperatur von mindestens 13 Grad plus braucht, reagiert TS-Zement am günstigsten bei vier bis fünf Grad über Null und bindet schon in neunzehn Stunden ab. Er wurde deshalb zumeist im Winter bei niedrigen Temperaturen verwandt.

Die nordrhein-westfälischen Deckenhersteller konnten dem Bauministerium nichts anderes anbieten als eine Liste, auf der sie sämtliche von ihnen belieferten Bauprojekte aufführten.

Das einzige Projekt Nordrhein-Westfalens, bei dem der gefährliche Baustoff genau nachzuweisen war, ist die zweiklassige Dorfschule in Hellefeld, Kreis Arnsberg im Sauerland. Am 4. März reisten die Herren der Bauaufsichtsbehörde dorthin, schickten die Schulkinder nach Hause und tupften die Decke ab. Erst bei diesem Besuch erfuhren sie von den Dörflern, daß im Nachbarort Meinkenbracht die gleiche Schule gebaut worden sei. Sie untersuchten sie am nächsten Tage, stellten eine akute Einsturzgefahr fest und verordneten der Schule eine neue Decke.