Alljährlich, wenn in Paris im Frühjahr ein rotes Buch erscheint, auf dessen Umschlag ein pummeliges Reifenmännchen turnt, spielen die Franzosen das gleiche Spiel: Sie suchen Sterne, zwei Sterne, einen Stern, drei Sterne. Und sie holen das Buch vom Vorjahr hervor und vergleichen.

Der rote „Guide Michelin-Franee 1963“, fast 1000 Seiten stark (13,50 Mark), führt wieder durch die französischen Hotels und Restaurants, erklärt die Preise, bezeichnet Dusch-, Baderäume und Garagen; weist auf eine ruhige Lage hin und darauf, ob während des Essens Radiomusik dudelt. Ob Hunde vom Wirt akzeptiert werden ist ebenso aufgezeichnet, wie die Tatsache, ob in der Nähe ein Friedhof oder eine Reparaturwerkstätte zu finden ist. Und er verteilt wieder die begehrten Sternchen, nach denen alljährlich gefahndet wird: Ein Restaurant mit zwei Sternen ist einen Umweg wert, wird die Küche mit drei Sternen bezeichnet, so gibt es „denkwürdige Mahlzeiten“.

Exakt, übersichtlich, handlich, streng und – ungerecht, so bezeichnen die Franzosen diesen Führer, und auch der deutsche Reisende (der Guide Michelin enthält ausreichende deutsche Erklärungen) wird sich diesem Urteil anschließen, denn sein Lieblingsrestaurant auf der Route nach Cannes in Montelimar, das „Relais de l’Empereur“ hat nur einen Stern bekommen, obwohl die Feuillete de Langoustes doch schier unübertrefflich schien.

Mit der gleichen Akribie führt der Guide Michelin-ltalie 1963“ durch die Hotels und Restaurants Italiens (388 Seiten, 9 Mark). Auch hier wird man seine Taverne in Ravenna vielleicht vergeblich suchen und auch sein altes Hotel nicht finden. Michelin nimmt halt nicht jeden in die Spalten seines „Gothas“ auf. Sollte das Essen trotz Stern einmal mittelmäßig sein, so versichern die Herausgeber, war vielleicht der Küchenchef krank oder der Tag nicht günstig.

Vielleicht verschwindet dann im nächsten Jahr hier das Sternchen? Und das Spiel beginnt von neuem. HvK