Von Ortwin Fink

Die neue Welle im Fremdenverkehr heißt: Schiffsreisen. Die Nachfrage ist in den letzten beiden Jahren ungewöhnlich stark gestiegen. Wir haben deshalb in dieser Artikelreihe Beispiele und Hinweise geben wollen für die vielen Möglichkeiten, auf Planken Urlaub zu machen – rechtzeitig genug, wie wir hoffen. Indessen wird für manche Schiffsreisen schon ein Jahr im voraus gebucht, bevor noch Fahrpläne, Routen und Preise genau feststehen. Wir beenden unsere Serie jetzt mit Hinweisen auf die Binnenschiffahrt, denen Artikel über Nordland-, Mittelmeer- und Weltrundfahrten sowie über Passagierfrachter und Fähren vorausgegangen sind.

Kaffeefahrten auf der Alster oder Stadtrundfahrten auf den Amsterdamer "Grachtenkreuzern" will ich hier nicht beschreiben. Fast überall, wo Wasser ist, in Berlin genauso wie in den bayerischen Bergen, bietet sich Gelegenheit zu derartigem Vergnügen, das ein, zwei oder drei Stunden währt. Es läßt sich als Teil eines Tagesausflugs oder Spaziergangs einplanen – eine Schiffsreise ist es noch lange nicht. Die beginnt, finde ich, erst bei acht oder zehn Stunden Dauer.

Nicht viele Binnengewässer können mit solchen Dimensionen aufwarten, heute weniger denn je, weil Oder, Weichsel und die Masurischen Seen für uns aus politischen Gründen nicht mehr "schiffbar" sind. Es blieben auf den Landkarten Europas acht dicke blaue Striche oder Flecken, die uns eine längere Schiffsfahrt durch Wälder, Auen, Städte, Gebirge oder Steppen verheißen.

Zwitter zwischen einer Fahrt auf Binnengewässern und offener See sind davon zwei:

Wo die Themse mündet, stecken die Londoner Ausflugsdampfer ihren Bug in die Nordseewellen, wenden indessen bald wieder und dampfen auf die weltbekannte Tower-Bridge zu. London per Schiff zu durchmessen, dauert allein schon zwei Stunden, und flußauf legt das Schiff noch eine halbe Tagesdistanz zurück, bis flacher Grund Umkehr gebietet.

Und ein anderes Mal noch bekommt ein Binnenschiff Seewasser unter den Kiel: Von Hamburg aus steuern schnelle Seebäderschiffe die rotweiß-grüne Insel Helgoland an. Die Niederungen der Unterelbe bieten dem Auge wenig Abwechslung, dafür Stimmung. Sehenswürdigkeiten zeigen sich hier nicht wie bei anderen Flüssen hinter dem Ufersaum, sondern auf dem Wasser selbst: Kaum ein Augenblick auf dieser Fahrt, da nicht ein Überseeschiff zu sehen ist, das von oder gen Hamburg fährt. Die zweite Attraktion nach kurzer Fahrt durch Nordseewellen und ein Kuriosum des Reiseverkehrs dazu: Man bleibt innerhalb eines Staates und ist auf dieser Insel doch schon im Zoll-Ausland. Stark verbilligte Genußwaren verlocken denn auch so manchen zu dieser eintägigen Reise, zu der man allerdings früh aufstehen muß: Morgens um sieben holt das Schiff an den Hamburger Landungsbrücken die Trossen ein, liegt zwischen ein und vier Uhr nachmittags auf der Helgoländer Reede vor Anker, wo seine Passagiere ausgebootet werden, und je nach Ebbe und Flut kommt der Hamburger Michel abends gegen zehn wieder in Sicht. 35 Mark kostet diese Fahrt, Tanz, aber nicht die Bordverpflegung eingeschlossen. Eine Variante dieses Helgoland-Trips (der auch von Bremerhaven, Hörnum und Wilhelmshaven aus unternommen werden kann): Man fährt mit jenem Schiff von Hamburg bis Helgoland und schifft sich dort nach dreistündigem Aufenthalt zu ebenso langer Fahrt nach Hörnum an der Südspitze der Insel Sylt ein, um dann dort den Badeurlaub abzuschließen oder die Bahn zur Rückfahrt zu benutzen. Dieses Schiff-Bahn-Arrangement kostet 44 Mark.