Von Petra Kipphoff

Wie ein Spielzeug liegt sie da im Bodensee, die Insel Mainau, mit dem Festland verbunden durch eine zierliche Miniaturbrücke, adrett zubereitet von Gärtnern und Gehilfen, die ständig dafür sorgen, daß das Inselchen bleibt, was es ist, die weithin gerühmte Blumeninsel, ein „Stück Welt- und Gartenschönheit“ (wie es ein Informationsheft formuliert).

Inmitten derselben nun findet seit 1953 jährlich eine Jugendbuchtagung statt, dieses Mal unter dem Motto „Zwischen Jugendbuch und Erwachsenenliteratur“. Ein wichtiges und faszinierendes Thema, über das man sich in vier Vorträgen belehren lassen und in einer von vier Arbeitsgruppen („Sachwelt und Beruf im Buch“, „Weltbild und Glaube im Buch“, „Im Vorfeld der Ehe: Liebe, Ehe und Familie im Buch“, „Gesellschaft und Politik im Buch“) diskutieren konnte.

Da saßen sie also, die Jugendbuchautoren und Verleger, Lehrer, Bibliothekare, Theologen, Kritiker und Übersetzer, vereint bei Mittagstafel und Gebet (freiwillig), im Vortrags- und Schlafgemach, zwischen Krokuswiesen und Bodensee, bei Frühstückssemmel und Sonntagsausflug, und widmeten sich in unbeirrbarer Konzentration ihrem Gegenstand. Die meisten von ihnen sind Alteingesessene, sowohl auf der Insel als auch auf dem Gebiet des Kinder- und Jugendbuches: Mindestens dreimal am Tag erinnert ein offizielles oder inoffizielles Scherzwort an etwas, was „neulich“ passierte oder bei einer der vergangenen Tagungen. Sie kennen einander von dieser Sitzung, jener Preisverteilung, dieser Jury und jenem Ausschuß, sie formen Grüppchen und Fronten, beherrschen ihr Gebiet, das Kinder- und Jugendbuch, wissen, daß der Jugendliche etwas braucht, wissen, was er braucht, wissen, was er soll, wissen, wo sie ihn hin haben wollen und wovor bewahren. Vor allem das.

Nur eines scheint, so stellte sich immer wieder heraus, bei diesem Unternehmen noch unklar zu sein:-Wer ist das eigentlich, der „Jugendliche“, den man zwischendurch auch den „Adoleszenten“ nannte, ohne dem schwer begreifbaren Phänomen dadurch wesentlich näher zu kommen. Michel Philibert, Professor aus Grenoble, mit Bürstenschnitt und himmelblauem Webjackett, machte in seinem Referat über die „Psychologie des Jugendalters“ einen beunruhigenden Anlauf auf die Frage. Er stellte nämlich fest, daß der Jugendliche (und damit die Wissenschaft von ihm) eine Erfindung des zwanzigsten Jahrhunderts sei, Kennzeichen einer vergreisten Welt, die den Heranwachsenden unnatürlich lang in einem Übergangsalter fest- und von der Verantwortung des Erwachsenseins fernhält.

So hatte man nicht gewettet: Die anwesenden Erzieher, Psychologen und Lehrer, sie hörten’s nicht gern, ließen sich’s aber nicht verdrießen, denn schließlich sprach da vorn ja nur ein Soziologe. Philibert beschloß seine Ausführungen dann mit der Feststellung, daß spezielle Jugendliteratur für das Übergangsalter daher auch eigentlich überflüssig sei, da sie den Jugendlichen nicht weiterbringe, allenfalls zerstreue, ihm aber nicht den Weg zum Erwachsenen verkürze oder erleichtere.

Die anwesenden Jugendbuchautoren, Verleger, Rezensenten und Preisverteiler, sie hörten’s wieder nicht gern, schließlich waren sie ja gerade erst angekommen. Und also hoben die ihre Finger in die Höhe, und man war gespannt auf die Diskussion. Leider fiel die dann aus, oder, besser gesagt, drei Teilnehmern zum Opfer, die jeder einen viertelstündigen Monclog hielten, nicht ohne dabei gebührend vom Thema abzuschweifen und viele Nebenfragen aufzuwerfen. Zu der Frage „wer ist eigentlich der Jugendliche?“ gesellte sich, von einer Dame zögernd ausgesprochen, unheilschwanger eine weitere: „Wer ist eigentlich der Erwachsene?“ Da wußte ein Studienrat Hilfe mit zwei trefflichen kleinen Geschichten aus dem Born seiner Erfahrung: Die eine handelte von einem Mädchen, das sich aus Liebeskummer von einem Turm herunterstürzte; und die andere von einem sechzehnjährigen Jungen, der sich plötzlich Vaterfreuden gegenübersah – und die Mutter seines Kindes heiratete. Man denke! Dieses seltsame Exemplar für Unreife und Erwachsensein sollte man humoristisch nehmen, aber es fällt schwer. Zu stark spricht die Überheblichkeit des Erwachsenen, die Unduldsamkeit des weltanschaulich Gebundenen aus ihnen, allzu brutal wird hier etwas postuliert, was man im freien Westen für überholt hielt: Zu uns gehört der, der sich am widerstandslosesten fügt.