Von Indro Montanelli

Rom, im April

Italien steht wieder einmal vor den großen Parlamentswahlen. Schlagworte wie „Parteienherrschaft“, Parteifunktionäre“, „Parteibürokratie“ Und in aller Munde, aber vom Parlament haben die Italiener nur reichlich nebelhafte Vorstellungen.

Alle Welt weiß zwar, daß jede Partei ein ideologisches Programm hat, weil man übergenug davon, täglich durch Radio, Fernsehen, Reden, Plakate, Zeitungen erfährt; man kennt auch zur Not die Parteigrößen, die „Heldentenöre“. Aber wer eigentlich die „Volksvertreter“ sind, die die Interessen des souveränen Volkes nun im Parlament vertreten sollen, das ist den wenigsten klar. Und wenn der „Mann von der Straße“ allem, was in Italien mit dem Parlament zusammenhängt, gründlich mißtraut, so ist eine der Ursachen dafür, daß er kein Verhältnis zu den Abgeordneten hat.

In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg war das anders. Damals hatten sich alle Abgeordneten, schon bevor sie ins politische Leben traten, in ihrem Beruf mehr oder weniger ausgezeichnet; sie waren jedermann bekannt. Die Abgeordnetenkammer in den Jahren 1910 bis 1913 bestand zu 90 Prozent aus Angehörigen der Oberklasse (Industrielle oder Großgrundbesitzer) oder der oberen Mittelklasse (Universitätsprofessoren, Advokaten, Ärzten, höheren Beamten). 1913 fand unter der Regierung Giolittis die große demokratische Reform statt, die das Wahlrecht ausdehnte (Frauen, Militärs und Geistliche blieben allerdings noch ausgeschlossen) und die Zahl der Wähler von drei auf acht Millionen erhöhte. Wie immer bei den Italienern, wenn etwas Neues eingeführt wurde, war die Angst groß. Man befürchtete eine Umwälzung des Parlaments, aber nichts Revolutionäres geschah. Lediglich die Zusammensetzung des Parlaments änderte sich zugunsten der oberen Mittelklasse. Besonders die freien Akademiker gewannen an Einfluß, die nun 60 Prozent der Mandate eroberten. Es wurde ein Parlament von Rechtsanwälten, Ärzten und Universitätsprofessoren.

Was waren die Gründe für diese erstaunliche Kontinuität im Parlament? Eine Ursache war die Stimmenthaltung von fast 40 Prozent der Wähler aus den unteren Klassen, eine zweite das Wahlrecht, das die einflußreichen Persönlichkeiten begünstigte. Als 1919 die Verhältniswahl eingeführt wurde, änderte sich die Zusammensetzung des italienischen Parlaments schlagartig. Obwohl die Wahlenthaltung immer noch sehr hoch war, schmolz der Anteil der Oberklasse auf bescheidene sieben Prozent zusammen. Die freien akademischen Berufe hielten sich noch mühsam doch fanden sich unter ihnen nur noch zwei Prozent Universitätsprofessoren. An ihre Stelle traten Volks- und Mittelschullehrer. Die großen Wahlsieger in jenen Jahren waren die Sozialistische Arbeiterpartei und die katholischen „Populari“. Sie füllten die Bänke des Parlaments mit neuen Persönlichkeiten. Es waren Unternehmer, mittlere Angestellte, Kaufleute; und zum erstenmal in der Geschichte rückte nun als zwangsläufige Folge des Proporzsystems eine neue Kategorie von ‚Volksvertretern“ ins Parlament ein: die Parteifunktionäre. Die Partei begann, die Menschen „aufzufressen“.

Nach dem faschistischen Intermezzo, das fünfundzwanzig Jahre gedauert hatte, gaben erst wieder die Wahlen von 1948 ein klares Bild vom Parlament. Die Wahlen brachten den Christlichen Demokraten unter de Gasperi einen Triumph. Sie eroberten die absolute Mehrheit, 306 von 574 Sitzen. Sozialisten und Kommunisten hatten sich in einer Volksfront geeint, aber sie kamen zusammen nur auf 103 Sitze. In allen Parteien aber gewannen die „Profis der Politik“ die Oberhand.