In der Architektur und vor allem in dem, was über Architektur geschrieben wird, machen sich heute einige Symptome bemerkbar, die ich einmal das Starsymptom, das Stilsymptom und das Photosymptom nennen möchte.

Eine der neuesten Veröffentlichungen auf diesem Gebiet und zugleich eine gute Gelegenheit, diese drei Symptome zu studieren, ist Das Starsymptom entdecken wir, wenn wir die Stichworte, unter denen hier die Architektur abgehandelt wird, nach Sachgebieten ordnen. Da gibt es einige Länder, zwei Städte, zwei Architekturschulen, drei Baumaterialien, vier Architektenvereinigungen, fünf Konstruktionen, zwölf Stile: (Stilsymptom!) — und zweihundertvier Architekten.

Es ist also der Architekt als Künstler Star, um den sich die Architektur dreht.

Schließlich ist durchaus ein anderer Aufbau eines Architektur Lexikons denkbar, etwa so, daß der Leser nachschlagen könnte, was ein Raster ist, wie eine moderne Schule oder ein Krankenhaus aussieht oder was das stereotype BDA hinter fast jedem Architektennamen bedeutet. Nein, was den Leser an der Architektur vor allem zu interessieren hat, sind die Architekten. Das zeigt sich am deutlichsten, wenn das Lexikon über einen Architekten einmal gar nichts zu sagen weiß. Dann stehen da nämlich Vor- und Zuname, Geburtsdatum, Geburtsort; aber im Text heißt es schlicht: "Industrie- und Geschäftsbauten" oder so ähnlich.

Die Architektur also kann notfalls auf ein Nichts zusammenschnurren, der Architekt bleibt uns erhalten.

Lexikon der modernen Architektur? Nein, ein Who is W ho der modernen Architekten; das wiederum aber sehr unvollständig. Wie ist es denn möglich, daß Tessenow fehlt, der die Bildungsanstalt und die Reihenhäuser in Hellerau gebaut hat und den sogar Le Corbusier zu den Pionieren zählt? Gibt es denn keinen Schwagenscheidt, lebendig wie eh und je, an dem kein Städteplaner mehr vorbeidenken kann? War vielleicht Fritz Schumacher, Hamburgs großer Baudirektor, eine Null? Und wo bleibt Karl Schneider, der von den Nazis vertriebene, früh gestorbene, der in Sartoris Encyclopedie de larchitecture nouvelle neun Seiten hat? Der Schneider, der sich auf Seite 86 "die Neigung des Expressionismus zum Figurativen mit den Mitteln des Rationalismus zunutze macht" (Stilsymptom!), muß doch wohl ein anderer sein. Wenn schon Stars — dann wenigstens die richtigen, denn das Starsymptom ist von den dreien das am wenigsten gefährliche. Kritisch wird es, wenn vor Namen die Sache nicht mehr gesehen wird. Das ist dann der Fall, wenn die Teilnahme an Architekturwettbewerben auf bestimmte Leute beschränkt wird, denen allein dafür, daß sie mitmachen, vierstellige Summen überwiesen werden. Mögen die Ergebnisse solcher Wettbewerbe auch noch so mager sein, Überraschungen kann es nie geben, und das läßt sich der Auslober gern etwas kosten.

Ein gefährliches Starsymptom ist auch dies: Wer deutsche Baubehörden nach einem dänischen, einem finnischen und einem holländischen Architekten fragt, den er zu einem Wettbewerb auffordern kann, bekommt so sicher, wie der Donner auf den Blitz folgt, die Antwort: Jacobson, Aalto, van den Broek und Bakema, als gäbe es nicht in allen drei Ländern, besonders aber in Dänemark und Finnland, eine lange Reihe guter Architekten und als gäbe es keinen Zweifel, daß diese drei die jeweils besten sind.