Nun schnüffelt mal schön, ihr Tugendwächter. Steckt eure Nasen in dieses Buch und nehmt Anstoß. Denn wenn — ich bin unvorsichtig, aber der Verdacht besteht — dieser Roman eines Tages zur Weltliteratur gehören sollte und ihr hättet euch nicht darüber blamiert, niemand würde es euch verzeihen, ihr selber am wenigsten. Ein Buch von solcher radikalen Offenheit, solch aufklärender Enthüllung, und ihr hättet es nicht bekämpft? Das darf nicht sein, ihr müßtet denn euch selber aufgeben.

Also lauft den Bundes- und Landesprüfstellen die Türen ein und verlangt die Indizierung von Wer ist Jean Douassot? Ein Proletarier Kind. Sein Vater: ein Arbeiter. Seine Mutter und seine Großmutter: Portiers Leute in einem Vorort von Paris. Das Heim seiner Kindheit: ein feuchter Keller nahe der Seine. Seine Schulbildung r gering, denn nur gelegentlich. Mit vierzehn Jahren schon mußte er zum Arbeiten in die Fabrik. Wurde krank. Floh vor der Hitler Wehrmacht aus Paris nach dem nichtbesetzten Marseille Und fand dort — der Wendepunkt seines Lebens — eine Beschäftigung als Lehrling in einer Buchhandlung , Las viel und wahllos. Vor allem aber: Sade, Lautreamont, Joyce, Genet und Henry Miller Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er als Soldat ins damals noch unterdrückte Marokko geschickt. Sollte bei der Niederwerfung der dortigen Unabhängigbeitsbewegung - helfen. Kehrte krank zurück.

Ein Jahr mußte er im Bett bleiben. Ließ sich eine Schreibmaschine besorgen. Schrieb 700 Seilen, die er zerriß, 500 Seiten, die er wieder verachtete, und schließlich 1500 Seiten, die er dem "Verlag Juillard schickte: das Manuskript des Humanes "La Gana".

Das ist der Roman seiner Kindheit. Wer Freud verschlafen hat, der mag sich entsetzen, weil liier nichts, nichts bleibt von der Reinheit und Unschuld (Unschuld in ihrem moralinsäuerlichen, nicht in ihrem sittlichen Sinn), die das Alltagsbewußtsein und die Sonntagsliteratur noch immer dem Kind zuschreiben. Ernst gemacht wird ii t der Freüdschen Erkenntnis über die Sexualität im Kiridesalter, "wo für die Vorstellung gleichem eine Kloake existiert, innerhalb deren Sexueles und Exkrernentelles schlecht oder gar nicht gesondert werden".

"La Gana" ist gewiß kein bloßer Demonstrationstext zur Illustration psychoanalytischer Erkenntnisse. An keinen festen Handlungsablauf gebunden, vermag Douassot doch mit Spannung zu erzählen. Anders als bei Miller, wird man Douassots "La Gana" nie aus psychisch geistigen, sondern allenfalls aus physisch biologischen Erschöpfungszuständen beiseitelegen (fast tausend Seiten lassen sich eben nur ratenweise bewältigen). Eine doppelt fremde Welt schildert Douassat: einmal die Welt der Kindheit mit den schockierenden Einzelheiten, wie sie aus dem Gedächtnis des Erwachsenen sonst verdrängt sind, zum anderen die Welt einer Proletarierfamilie, die zv<a r nicht hungern muß, aber doch im Elend lebt. Der Vater: ein Säufer, Gelegenheitsarbeiter, Dieb zuweilen auch, um seinem Bruder die Schilden zu zahlen.

Dieser Bruder, der. Onkel also, ein nabelbeschauender Nichtstuer, Freund und "Erzieher" des Kindes, ständig auf Selbstmord sinnend und schließlich durch Selbstmord umkommend. Die Mutter: immer und vergebens um di Fassade der Wohlanständigkeit bemüht, meist krank, oft keifend.

Die eine Großmutter: ein blindgewordener Arbeitsmechanismus; die andere: ständig bereite. Hure der Clochards.