Als der Reporter Henry Kolarz zu Anfang des vorigen Jahres in die UdSSR fuhr, um Reportagen für den „Stern“ zu schreiben, hatte er Unvoreingenommenheit und geistige Abenteuerlust, beides noch wichtiger als seine russischen Sprachkenntnisse, im geistigen Gepäck. Sie bestimmten den Stil seines Auftretens im Ausland (unter anderem in Moskau, Leningrad, Ssotschi, Eriwan), und sie bestimmten den Stil seiner Berichte: dieses frische, in gutem Sinne leichtfertige Zupacken. Seine Reportagen liegen jetzt, um einige Kapitel ergänzt, auch als Buch vor –

Henry Kolarz: „Verwandte in Moskau – Was sie denken, was sie fühlen“, mit Bildreportage von Bob Lebeck; Econ-Verlag, Düsseldorf/Wien; 266 S., 14,80 DM.

Seitdem Kolarz, der Sohn einer Armenierin und eines Moskowiten österreichischer Abstammung, in Rußland war, ist so viel Wasser die Wolga und den Dnjepr hinuntergestürzt, daß das Buch von einer sehr natürlichen, doch fatal umgekehrten Proportion bedroht scheint: verjüngt sich das Gesicht Rußlands, so altert das Buch, in dem Kolarz (wie sein tüchtiger Weggenosse Lebeck) lauter „Momentaufnahmen“ zu einem informationsreichen Mosaik vereinigt hat. Allein die Kremlj-Diskussionen der Parteiführung im Dezember 1962 eröffneten neue, überraschende Perspektiven wenigstens auf dem kulturellen Sektor.

Hat es da noch Sinn, seine Vorstellung vom heutigen Rußland auf ein Material zu stützen, das älter ist? Nun, die Entwicklung erwies sich in den letzten Monaten doch als zäher, wenn das Rad der Geschichte auch nicht gerade zurückgedreht wurde.

Kolarz, dessen Reportagen inzwischen in mehrere Sprachen übersetzt wurden, bietet Impressionen: Er verzichtet auf Analysen und Kommentare. Das ist eine klare und sympathische Entscheidung. Das ist jedem Leser willkommen, der den Standpunkt vertritt: Ich möchte möglichst zuverlässiges – und das heißt auch: durch politische und weltanschauliche Schablonen möglichst wenig verfälschtes – Anschauungsmaterial. Kolarz gibt es. R. D.