G. Z., Frankfurt

An den Kiosken rings um die Heiliggeistkirche baumelt wieder der Kitsch. Die Andenkenläden entlang der Hauptstraße sind mit goldfüßigen Weinpokalen gefüllt, von denen, gemalt oder aufgeklebt, der trinkfeste Hofnarr Perkeo lächelt. Im Schloßhof blühen die Forsythien. Und im Pfaffengäßchen, wo Deutschlands erster Reichspräsident Friedrich Ebert das Licht der Welt erblickte, schaukeln schön die Geranien im Wind. In Heidelberg ist wieder Hochsaison.

Saison in Heidelberg, das heißt: alljährlich 500 000 Leute aus fünf Kontinenten, die ausgezogen sind, Romantik zu suchen. In der Stadt am Fuße des Königstuhls, die nirgendwo auf der Welt ihresgleichen hat, kann man sicher sein, sie zu finden. Die Ruine des Schlosses, die Alte Neckarbrücke, die sich in malerischem Bogen übers Wasser spannt, und die mittelalterliche Kulisse der Altstadtgassen vereinen sich zur perfekten Idylle. Doch das Idyll ist verwunschen.

In Heidelbergs Altstadt stehen 441 Wohnhäuser, die meistens älter sind als 250 Jahre. Von ihnen sind 242 abbruchreif. 145 können nur durch gründliche Renovierung erhalten werden. Die übrigen 54 sind in leidlichem Zustand. In diesem Dickicht ineinander verschachtelte Häuser und Hinterhöfe leben pro Hektar 320 Menschen. 470 ist die höchste zu verantwortende Einwohnerzahl, wenn einigermaßen gesunde soziale Verhältnisse herrschen sollen.

Zur Nacht nimmt die Bevölkerungsdichte noch zu. Die Zahl der Schankbetriebe in Heidelberg hat sich – Konzession an den Fremdenverkehr – seit 1949 um weit über hundert Prozent auf rund 350 erhöht; 35 davon sind Nachtlokale. Sie liegen fast alle in der Altstadt. Ein Stadtratskandidat hat Heidelberg im Wahlkampf „St. Pauli des Südens“ genannt. Sicher kannte er St. Pauli nicht. Ruhiger und friedlicher ist es allerdings in den letzten Jahren rings um die Heiliggeistkirche wirklich nicht geworden.

Nicht minder schädlich für den Mythos Alt-Heidelberg ist das Blech – das Blech, das täglich vom frühen Morgen bis spät abends hupend, bremsend und kreischend durch die allzu engen Straßen kriecht. Städte wie Frankfurt oder Saarbrücken melden besorgt, doch nicht frei von Stolz, daß ihre Straßen pro Tag oder Stunde von soundsovielen zigtausend Autos durchfahren werden. Heidelberg, das Großstädtchen mit 128 000 Einwohnern, kann da nicht mit. Ihm reicht schon ein Bruchteil großstädtischen Straßenverkehrs, um hoffnungslos im Blech zu versinken.

Und dann die Ruperto Carola, Deutschlands älteste Universität, ohne die es „Alt-Heidelberg, die feine“ nie gegeben hätte. Ihre naturwissenschaftlichen Fakultäten haben sich im Vorgelände der Stadt angesiedelt. Die geisteswissenschaftlichen Disziplinen hingegen, die den Ruf der Ruperto Carola begründeten, liegen eingezwängt in der Altstadt. Vor ein paar Jahren, als der Lehrbetrieb vollends zur Qual wurde, befaßten sich auch diese Fakultäten mit Umzugsplänen. Wären sie verwirklicht worden, dann wäre die Altstadt abgestorben. Todesursache: geistige Aushöhlung. Inzwischen hat das Land Baden-Württemberg einiges unternommen, um die Raumnot der Universität zu lindern. Schulen werden in Neubauten verlegt, geeignete Gebäude in der Altstadt aufgekauft. Alt-Heidelberg blieb gerade noch davor bewahrt, als Freilichtmuseum zu enden.