Fernsehen

Im Mittelpunkt drei Dokumentarsendungen, zwei vorzügliche und eine mißlungene, zwei vom Ersten und eine vom Zweiten Programm. Der von München ausgestrahlte französische Filmbericht über das Warschauer Ghetto, der in Deutschlands Kinowelt keinen Verleiher fand, konfrontierte den Fernseher, noch in der Vorführung des Grauens zurückhaltend, mit jener Schreckenswelt, in die schon der ebenfalls französische Streifen „Nacht und Nebel“ Einblick gegeben hat.

Beide Filme werden als Gegenstücke zumeist nebeneinander genannt. Das ist nur bedingt richtig, weil sie in verschiedenem Betracht konträre Apokalypsen geben: Dort die kalte, distanzierte und leidenschaftslose Maschinerie der Vernichtung in Lagern, hier der verzweifelte und von vornherein zum Scheitern verurteilte Kampf der Opfer, die aber in ihrem Aufbäumen noch die Qualität des Menschlichen bewahren können – die Vernichtung im Schweigen und die Vernichtung im Schrei. Hier tun sich Perspektiven auf, die vielleicht einiges zur Erkenntnis, der Struktur der hinter uns liegenden Epoche beitragen könnten.

Vorbildlich auch Thilo Kochs Dokumentarbericht über die amerikanische Rüstung in ihren militärischen, technischen und ökonomischen und also sozialpolitischen Aspekten. Koch, von staunenswerter Produktivität, hat eben erst seinen hundertsten Washington-Brief geliefert; dies hier war nun schon, seine 14. Folge „Weltbühne Amerika“. Die angebliche Unsicherheit in der Beherrschung der großen Form ist längst überwunden; auch in der Herstellung solcher aus Interview, Reportage, Analyse und Kritik zusammengesetzter Streifen präsentiert er jetzt Sachen, die selbst spröden Themen optische Wirkung abgewinnen.

Mainzens erste Folge einer Reihe über die deutsche Gesellschaft verschenkte dagegen selbst ein so vorzügliches Thema wie „Deutscher Adel 1963“. Der Gegenstand, auf so geistvolle und perspektivenreiche Art jüngst in einer unserer renommierten Zeitschriften abgehandelt, wurde hier auf betuliche Art eher zugedeckt als aufgehellt und auf keinen Fall politisch-soziologisch interpretiert. Einziges Resümee der Sendung: Einige Adelige arbeiten, andere leben als Schloßherren, manche Aristokraten lassen sich mit „Durchlaucht“ anreden, andere mit „Herr Doktor“. Das war eigentlich auch schon vorher zu vermuten gewesen.

Von Gewinn in dieser Woche sonst nur noch die Fortsetzung der Fernseh-Horvath-Renaissance mit der von Otto Schenk und Kurt Wilhelm sehr filmisch ins Bild gesetzten Posse „Hin und her“. Kölns zweiter Beitrag, Dieter Haugks Inszenierung von Giraudoux’ „Amphitryon 38“, versagte dagegen vor der melancholischen Ironie dieser Paraphrase über das Mißtrauen zum eigenen Gefühl und verwandelte den politischen Tiefsinn dieses klassischen Textes in possenhafte Lustigkeit. Über das Tolstoj-Stück des Zweiten Fernsehens im nächsten Bericht. lupus