Der triumphale Einzug Fidel Castros in der Sowjet-Metropole hat alles Gepränge in den Schatten gestellt, mit dem an der Moskwa sonst hohe Gäste empfangen wurden. Chruschtschow küßte seinen „lieben Freund“ auf beide Wangen und verglich die karibische Insel mit einem Leuchtturm; Castro revanchierte sich mit der Dankadresse: „Ich habe das Gefühl, als stünde die Sowjetunion weit offen, um uns in ihre Arme zu nehmen.“

Das war am Sonntag. Unterdessen ist das Ehrensalut der Kanonen verhallt; hinter den Mauern des Kreml haben die Beratungen begonnen. Und da wird es vielleicht nicht ganz so überschwänglich zugehen wie draußen auf der Straße. In einem Interview mit der französischen Zeitung „Le Monde“ hatte sich Castro schließlich erst vor kurzem bitter darüber beklagt, daß der Sowjetpremier auf Drängen Washingtons seine Raketen von der Insel abgezogen hätte, ohne ihn zuvor zu fragen. „Chruschtschow“, so hatte sich Castro entrüstet, „hat zwar den Krieg verhindert, aber den Frieden hat er noch lange nicht gewonnen.“ Und noch ungenierter: „Wäre er damals in Havanna gewesen, ich hätte ihm eins hinter die Löffel gegeben.“

Chruschtschow mußte befürchten, daß sich der leicht aufbrausende Kubaner mit solchen Tönen in Peking gute Freunde machen würde – just in jenem Lager, aus dem schon im vergangenen November nach dem Abtransport der Kuba-Raketen, schwere Munition gegen den „weichen Kurs“ des Kreml abgefeuert worden war. Obendrein beobachteten die Männer im Kreml voller Argwohn, wie gelehrig die Revolutionäre von Havanna den militanten Lehren der chinesischen Eroberungs-Ideologen anhängen – trotz aller wirtschaftlichen Abhängigkeit der Insel von der Sowjetunion und trotz Kennedys deutlicher Abfuhr, die er den Exil-Kubanern erteilte.

So mag sich das Gespräch zwischen dem großen und dem kleinen Bruder nicht so sehr um den Raketen-Zwist drehen. Chruschtschow wird vielmehr darauf bedacht sein, Castro für seine ideologischen Querelen mit Peking als getreuen Kampfgenossen zu gewinnen. Die Revue auf dem Roten Platz und der Bruderkuß des Gastgebers galten daher nicht dem „Bärtigen“ allein. Sie sollten auch den Pekinger Nebenbuhlern demonstrieren, wie unverbrüchlich die Freundschaft zwischen Castro und Chruschtschow ist. D. St.