Kanadas neuer Premier: "NATO-Vater" und Träger des Friedens-Nobel-Preises

Einen Tag vor seinem 66. Geburtstag hat-Lester Bowles Pearson den schwersten Job übernommen, der in Kanada zu vergeben war. Er wurde als neuer Premierminister vereidigt.

In der Tat, eine schwere Aufgabe: In Quebec explodieren Molotow-Cocktails – die Antwort der separatistischen "Befreiungsfront" im französischsprachigen Osten auf den liberalen Wahlsieg. Über eine halbe Million Arbeitslose warten ungeduldig auf eine ökonomische Wundertat des neuen Premiers. Die Beziehungen zwischen Ottawa und Washington sind durch die Auseinandersetzungen die kanadische Atombewaffnung auf einem Tiefpunkt angelangt. Das traditionell freundschaftliche Verhältnis zwischen Kanada und England ist in den vergangenen Monaten immer gespannter geworden.

Lester Pearson hat sein Amt mit dem Versprechen übernommen, seinen Landsleuten innerhalb von 60 Tagen den Weg zu zeigen, der aus der kanadischen Misere hinausführt. Er will Kanada in den nächsten zwei Monaten zurückführen auf die Straße des Wohlstands und der internationalen Anerkennung".

Er hat keinen Tag gezögert, mit der Verwirklichung seines Versprechens zu beginnen. Schon in dieser Woche trifft er Harold Macmillan. Wenige Tage später spricht er mit Jack Kennedy. Die Vorschußlorbeeren, die der neue Premier in Washington und London erhalten hat, versprechen eine erfolgreiche Mission. Pearson hofft, die Zweifler im Land, im Parlament, in der eigenen Partei schon in den ersten zwei Wochen seiner Regierung durch einen außenpolitischen Erfolg für sich zu gewinnen. Alle, die in diesen Tagen mit dem neuen Regierungschef verhandeln, treffen auf einen messerscharf denkenden und formulierenden Gesprächspartner, der mit der Ernennung zum Premier den strahlenden Optimismus und das jungenhafte Lachen des einstigen Außenministers Pearson zurückgewonnen hat.

Es ist nur einige Wochen her, da erlebten einige Hundert Anhänger der kanadischen Liberals in New Brunswick einen anderen Lester Pearson. Sie erwarteten auf dem Höhepunkt des Wahlkampfes eine mitreißende Rede ihres Parteiführers. Der Wahlredner Pearson rang mühsam nach Formulierungen, seine Stimme schien um einige Töne zu hoch, ohne Erfolg bemühte er sich, sein Lispeln zu verbergen, und wenn er versuchte, seinem Vortrag dramatische Akzente zu geben, wirkte dies eher komisch als mitreißend. Die Zuhörer wurden unruhig. Lester Pearson dozierte über die Vorzüge seiner Partei wie ein vorsichtig abwägender Professor für politische Wissenschaften: "Diesmal sind die Liberalen die richtigen für Kanada – das nächstemal sind es vielleicht die Konservativen." Gelächter. Proteste. Pearson erstaunt: "Einen Moment, bitte. Immerhin haben die Konservativen allerlei für unser Land getan in der Vergangenheit."

Er haßt den "Wahlzirkus"