Von Werner Ross

Die erste Hälfte unseres Jahrhunderts war in der Literaturwissenschaft vom Methodenstreit zerklüftet; ihre großen Werke behaupteten polemisch das Vorrecht der einen oder der anderen Fragestellung. Die „Geistesgeschichte“, eine typisch deutsche Erfindung, öffnete der philosophischen Spekulation ein weites Feld; Literatur war Ausdruck von Ideen oder stand in ihrem Schlagschatten.

Ebenso schroff verkündete Benedetto Croce das Eigenrecht der Ästhetik, poesia, als einer Sondersprache, die sich in jedem großen Kunstwerk neu verwirkliche. Was heute weit und breit als „Interpretieren“ betrieben wird, stammt zuletzt aus seiner Schule.

Schließlich verhalf Ernst Robert Curtius durch seine Polemik sowohl gegen die Synthetiker wie gegen die Ästheten dem Positivismus des 19. Jahrhunderts, der strengen Wissenschaftlichkeit, zu einer späten Rache. Vieles wuchs und wucherte dazwischen: von der marxistischen Literaturbetrachtung Lukács’ bis zur „volkhaften“ Nadlers, von der psychoanalytischen Deutung bis zur anthroposophischen.

Die zweite Hälfte des Jahrhunderts hat ruhiger begonnen. Mit einem Burgfrieden der Ermattung? Einer Einsicht in die Relativität der so erbittert verteidigten Standpunkte? Mit einer neuen Synthese, die polemische Übersteigerungen von einst auf ihren Arbeitswert reduziert?

Man wird am liebsten von einer Bestandsaufnahme sprechen, einer ruhigen Rechenschaft, der wir die bedeutenden Werke Staigers, Hugo Friedrichs, Emrichs, Kaysers verdanken.

Methodische Neuansätze sind selten geworden und mögen im Kuriosen enden wie