Nun muß man also doch fragen, ob unsere Schulkinder literarisch verbildet sind – und zwar „von allem Anfang her“, durch Fibel und Schul-Lesebuch ... Offenbar ist jene „Welt“, mit der sie da zunächst in Bildern und Lesestücken konfrontiert werden, zum guten Teil nicht mehr recht gegenwartsnah. Da aber die auf der Schulbank gewonnenen ersten Eindrücke nachhaltig wirken und in den Köpfen – und Seelen – haften, ist eine spätere Korrektur durch eigenes Erleben und durch die unmittelbare eigene Anschauung nicht ohne weiteres und nicht immer gegeben.

Das wenigstens scheint eines der interessantesten Ergebnisse eines Mal- und Zeichenwettbewerbes zu sein, der erst unlängst in den Volksschulen einiger Großstädte – Berlin, Hamburg, Kiel, Hannover – veranstaltet worden ist. Beteiligt waren, in 140 Klassen von insgesamt 60 Schulen, mehr als 6000 Schulkinder im Alter von dreizehn bis fünfzehn Jahren. Als Thema war gegeben: „Wie es auf dem Lande aussieht.“ Die besten Zeichnungen – ausgewählt von einer Jury unter Leitung des Direktors der Hochschule für bildende Künste in Kassel, Professor Bode – waren auf der „Grünen Woche“ in Berlin ausgestellt worden. Die Jury war von der Veranstalterin des Wettbewerbes, der IMA („Informationsgemeinschaft für Meinungspflege und Aufklärung“, Sitz Hannover), gebeten worden, „nur nach künstlerischen Gesichtspunkten zu richten“ und also nicht darauf zu achten, ob das ländlich-bäuerliche Leben zutreffend („gegenwartsnah“) oder unzutreffend („romantisch“) dargestellt worden sei. Der Kommentar, den die Männer von der IMA geben, lautet: „Das Erstaunen der Gäste der ‚Grünen Woche‘ darüber, wie falsch heute die Schulkinder aus der Großstadt die Landwirtschaft sehen, war nicht minder groß wie unsere eigene Überraschung bei der ersten Durchsicht der Zeichnungen.“

Wieso aber „falsch“? Vielleicht sollte man lieber sagen: es sei frappierend, in welchem Maße auf den Zeichnungen der Kinder – neben dem bloß Idyllischen, wie in der oft wiederkehrenden Darstellung des Hühnervolkes auf dem Bauernhof – die nicht typischen Arbeitsvorgänge überwiegen. Immer wieder ist der Mäher mit der Sense zu sehen, die Garbenbinderin, die mit der Sichel den Schwad einrafft, der Bauer hinter dem (pferdebespannten) Pflug und sogar der Mann, der aus dem Säe-Tuch „die goldene Saat über den Acker ausstreut. ...“ Wir sind da also, trotz des gelegentlich im Bilde auftretenden Traktors, in eine vergangene Welt zurückgekehrt:

Auf den Garben, bunt von Farben, liegt der Kranz,

Und das junge Volk der Schnitter fliegt zum Tanz...

Solche „klassischen“ Darstellungen haften offenbar in den Köpfen der Schulkinder – womit nichts gegen das Bildungsgut in den Lesebüchern gesagt sein soll, soweit es (was gewiß nicht für alle Lesestücke zutrifft...) noch Rang und Geltung besitzt. Freilich fehlt es ganz offensichtlich an der ergänzenden Kommentierung des „klassischen Stoffs“ durch den Lehrer: mit dem Hinweis nämlich, daß diese Dinge historisch sind, der Vergangenheit angehören und daß die Wirklichkeit von heute sehr viel anders aussieht.

Solange dieser Mangel nicht behoben ist – vor allem, indem man den Schulkindern Gelegenheit gibt, wirkliches ländliches Arbeitsleben zu beobachten –, solange bleibt auch ein Körnchen Wahrheit in dem bitteren Kommentar der IMA, welcher lautet: „Brauchen wir uns denn zu wundern, daß ‚die Landwirtschaft‘ im Urteil der meisten (Groß-)Städter als hoffnungslos rückständig‘ gilt, wenn in den Köpfen der heranwachsenden Generation ein solch schiefes Bild vom bäuerlichen Leben und Schaffen steckt?“