N. G., Köln

Im Kölner Taubenkrieg fliegen die Federn. Die Parteien – auf der einen Seite die Männer der Stadtverwaltung, auf der anderen die Tierschützer – rupfen sich gegenseitig. Ob sich nach diesem Gemetzel noch eine Taube finden wird, die Freund und Feind den Ölzweig bringt, ist zur Zeit höchst zweifelhaft. Denn in der vergangenen Woche wurde die Stadtverwaltung beschuldigt, hinterlistig zu Partisanenmethoden gegriffen zu haben.

Angefangen hatte der Kampf mit der Erklärung aus dem Rathaus: Um die Taubenplage zu mindern und die Bevölkerung vor Gesundheitsschäden zu bewahren, müsse das 3000 stadtkölnische Vögel zählende Taubengeschwader um die Hälfte reduziert werden. Aus diesem Grunde wollte man den Tieren am 22. April, eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang, mit Blausäure getränkte Brotkrumen vorwerfen. Nicht ohne Genugtuung wurde mitgeteilt, diese Aktion habe auch die Billigung des Präsidenten des Bundes gegen Mißbrauch der Tiere, Professor Armin Spitaler, gefunden. (DIE ZEIT Nr. 16 vom 19. April 1963).

Kaum hatten die Tierschützer das gehört, bearbeiteten sie ihren Präsidenten – mit Erfolg. Am 16. April distanzierte er sich vom Taubentod durch Blausäure und erklärte öffentlich: „Die besten Methoden sind die Geburtenkontrolle mit Hilfe von Taubenschlägen und die Beigabe von Hormonen zum Futter.“

Noch nie entbrannte die Diskussion unter den Kölner Bürgern so heiß wie um die „Aktion Taubentod“. „Ich habe jahrelang Tauben gezüchtet und bin nie krank geworden von den Tieren“, meinte Konrad Rössler aus Köln-Lindenthal. „Von Autos und stinkenden Flugzeugen werden die Menschen krank.“ Gegen soviel Rücksichtnahme wettert Willi Bürger: „Was würden die Tierfreunde unternehmen, wenn sie zum Beispiel Wanzen in ihrer Wohnung hätten?“ Ihn antwortete Herr Tobelmann aus Köln-Klettenberg: „Ich kann mir gar nicht vorstellen, daß die Tauben den Menschen in die Betten kriechend Dennoch wird die Zahl derer, die der „Taubenbestandsregelung“ zustimmten, groß.

Nur über die Art und Weise der Tötung herrschte Unklarheit, besonders da die Tauben gerade Junge bekommen. Die Bundesanstalt für Vegetationsschutz, Landschaftspflege und Naturschutz machte auf die Gesetze zum Schutz der Muttertiere und ihrer Nachkommenschaft aufmerksam. Tierschützer aus anderen Städten schickten Protesttelegramme. Am 21. April, am Vorabend der Tötungsaktion, sah sich deshalb die Stadtverwaltung genötigt mitzuteilen, man wolle noch andere Tötungsmöglichkeiten prüfen; die Aktion sei verschoben. Gesundheitsdezernent Dr. Mothes erklärte: „Ein neuer Termin wurde noch nicht festgesetzt, alles ist noch in der Schwebe.“

Das war der Beginn des Partisanenkrieges: Denn zur gleichen Zeit fielen die toten Tauben schon vom Himmel, wie der Oberstadtdirektor Dr. Max Adenauer drei Tage später bestätigte. Keiner hatte sie sterben sehen. Die Männer der Stadtverwaltung waren ganz heimlich und schon vor dem 22. April mit der Blausäure ausgezogen. Dr. Adenauer verteidigte seinen Gesundheitsdezernenten und rügte nur: „Er hätte kein Datum angeben sollen. Das war sein Fehler“ – „Das kann doch nicht wahr sein“, stöhnten die Lokalzeitungen in Vertretung der Tierfreunde und bezichtigten die Stadtverwaltung der Irreführung. „Es ist eine Schande schlimmster Art“, jammerte der Kölner Aegidius Koep. Sollte die Empörung der Bürger noch schlimmer werden, hat die Stadtverwaltung ein Trostpflaster zur Hand: Statt der vergasten Haustauben will sie in Zukunft Ziertäubchen aus dem Zoo am Dom ansiedeln.