G. Z., Frankfurt

Im Untertaunus-Dorf Hettenhain begann das Schuljahr mit Verspätung. Während sich die übrigen hessischen Abc-Schützen bereits eine Woche lang mit den Anfängen der Wissenschaft plagten, genoß die Hettenhainer Jugend noch in vollen Zügen die Freiheit. Aus Protest gegen eine Maßnahme der Schulbehörde hatten die Eltern ihre Kinder zu Hause behalten. Sie wollten damit die Schulbehörde zwingen, die Versetzung der 32jährigen Lehrerin Irene Sobota, rückgängig zu machen.

Hettenhain, eine einsam und abseits des Verkehrs liegende Gemeinde von 430 Seelen, hat eine überwiegend katholische Bevölkerung. So hatte es sich eingebürgert, daß die Schulaufsichtsbehörde des Wiesbadener Regierungspräsidenten in die einklassige Dorfschule einen Schulmeister katholischen Glaubens entsandte. Der Mangel an Lehrkräften hatte jedoch dazu gezwungen, von diesem Brauch abzugehen, und eines Tages stand eine evangelisch getaufte Lehrerin hinter dem Katheder, um die Hettenhainer Schuljugend „für das Leben vorzubereiten“.

Vielleicht war dem Personalreferenten in Wiesbaden nicht ganz wohl dabei; jedenfalls machte die Behörde den Vorbehalt, daß damit nur eine Übergangslösung getroffen sei und die Lehrerin Sobota sobald wie möglich von einem katholischen Kollegen abgelöst werden sollte. Doch von diesen behördlichen Klauseln wußten die Hettenhainer Eltern nichts. Sie waren hocherfreut, im Schulhaus eine Pädagogin zu haben, die offensichtlich mit den Kindern außerordentlich gut zurecht kam. Daß die Lehrerin Sobota evangelisch war, störte die Hettenhainer nicht. Sie gefiel ihnen und sie wollten sie behalten.

So kam es, daß am Tage nach Ostern der katholische Junglehrer Ludwig Bienefeld, gerade an der Universität mit pädagogischen Theorien hinreichend versorgt, sein erstes Lehramt vor leeren Schulbänken antrat. Die katholische Elternschaft von Hettenhain demonstrierte auf diese Weise ihre Sympathien für die evangelische Lehrerin. Außerdem waren die Hettenhainer des häufigen Personalwechsels im Schulhaus müde. Sie hatten den Weg der Notwehr beschritten, weil der schriftliche Protest und die Bitte, die Versetzung der jungen Lehrerin rückgängig zu machen, in Wiesbaden erfolglos geblieben waren.

Die Taunus-Dörfler, die sich als tolerante Bürger zeigten, denen es weniger auf das Gesangbuch als auf die Qualitäten eines Lehrers ankam, stießen jedoch mit ihrer liberalen Haltung auf den harten Widerstand der hessischen Schulbehörde. Die Beamten des wegen seines fortschrittlichen Geistes oft gerühmten Hessenlandes bestanden darauf, daß in einer katholischen Gemeinde auch ein katholischer Pädagoge die Kinder erziehen müsse. Das wurde den Hettenhainern bei einer Elternversammlung mit Nachdruck beigebracht. Bedrückt saßen sie auf den Schulbänken und wagten kaum einen Widerspruch, als ihnen die hohen Herren aus der Landeshauptstadt die Leviten lasen. „Die Kirchen haben ein Recht, daß die Schulstellen entsprechend der Konfession besetzt werden“, belehrte Oberregierungsrat Reinhold. „Es müssen deshalb auch die schulischen Belange in der katholischen Gemeinde Hettenhain auf Grund der konfessionellen Gegebenheiten geregelt werden.

So beriefen sich die beamteten Schulmänner auf „Recht und Gesetz“, und der Vertreter des Landrats vermutete in der Rebellion der Eltern ganz einfach eine „Untergrundbewegung“. Gleichzeitig leisteten sie ein Stück Erwachsenenbildung, indem sie die Hettenhainer Eltern über das Wesen der Demokratie aufklärten: „Wir können zwar unseren Willen kundtun, aber es gibt nur eine Stelle, die entscheidet, und das ist Wiesbaden.“