Von Helmut Günther

Der Sport des zwanzigsten Jahrhunderts wurde aus dem Protest geboren, aus der Rebellion gegen die technische Zivilisation. Der Sport, die Gymnastik, der moderne Tanz – sie alle waren Aufstände einer gegen das Mechanische kämpfenden großstädtischen Jugend, die in Rhythmus, Bewegung, Körperkultur wieder Freiheit erleben wollte. Coubertin war genauso einer ihrer Erzieher wie die Schöpfer der modernen Gymnastik und des modernen Tanzes: Dalcroze, Bode und Laban. Coubertin verkündete die „Religion des Muskels“ als Gegengewicht gegen den Kult der Maschine; die Tänzer wollten wieder „einschwingen“, und zwar „leibhaft“, in den „Rhythmus des Alls“.

Doch es kam anders. Der Sport, geboren aus dem Protest gegen die Technik, wurde zum gültigen Ausdruck des technischen Zeitalters. Die Technik erwies sich nicht als ein Gegner des Sports, sondern als ihr Förderer. Sie, nicht die Rhythmiker, schuf ein neues, dynamisches Bewegungsgefühl. Sie gab dem modernen Menschen die Zeit und auch die Kraft für den Sport. Der Sportplatz wurde zu einem Symbol dieses Jahrhunderts.

Niemand hat mehr getan für eine ganzheitliche Erziehung als die deutschen Gymnastiker. Die Rhythmiker waren bis 1920 im Einklang mit ihrer Zeit. Die um 1900 als Lebensmacht auftretende Technik erschien den bürgerlichen Intellektuellen als dämonische Schreckensmacht, die dem Menschen alles Menschliche nahm. Als Gegenschlag gegen die „mechanisierende“ Technik entstanden die Philosophien vom Leben und vom Rhythmus, von der Ganzheit und der Gestalt. Sie alle waren Lehren der Flucht vor den neuen gesellschaftlichen und technischen Realitäten. Die Natur war hier noch das Ganze, der kontinuierliche Lebensstrom, der Rhythmus, der den Menschen trug. Die Technik aber riß den Menschen aus den großen, rhythmischen Zusammenhängen heraus.

Diese Lehren waren also Formen romantischer Sehnsucht nach einem entschwundenen Zeitalter, in dem Religion und Tradition, Sitte und Brauch den Menschen getragen hatten. Man wollte wieder geistig und körperlich „mitschwingen“, wieder „getragen“ sein. So entstand die gymnastische Rhythmusbewegung. Sie entwickelte sich im engsten Zusammenhang mit der Lebensphilosophie. Vor allem in Deutschland riefen die Dichter: „Rhythmus ist alles!“ Rhythmus ist bis zum heutigen Tag ein Lieblingswort der Epoche geblieben. Man spricht vom Rhythmus der Freude, vom Rhythmus der Zeit, vom neuen Rhythmus Europas... Der Rhythmus wurde einer der Mythen des zwanzigsten Jahrhunderts.

Ihr Schöpfer war Ludwig Klages, der etwa seit 1910 seine Rhythmus-Philosophie verkündete und 1934 zusammenfaßte: „Vom Wesen des Rhythmus.“ Die Rhythmus-Definition von Klages hat sich durchgesetzt. Sie lautet: Rhythmus ist organisch gegliederte Stetigkeit. Sein Symbol ist die Welle, ein Kraftganzes, das kontinuierlich, ohne Härte und Grenze gegliedert ist. Geradezu eine klassische Definition im Sinne von Klages bringt auch das Sachwörterbuch der Literatur von Gero von Wilpert: „Rhythmus, harmonische Gliederung einer lebendigen Bewegung in der Zeit zu sinnlich faßbaren, ähnlich wiederkehrenden Teilen, doch im Gegensatz zum exakt-gleichförmigen, rational zähl- und meßbaren Takt nicht ständige Wiederholung des Gleichen.“

Noch in dieser exakten Definition spürt man die Philosophie von Klages. Rhythmus besitzt nur das kosmische, lebendige Ganze, der Lebensstrom selbst. Klages selbst schrieb: „Im Rhythmus schwingen, bedeutet daher, im Pulsschlag des Lebens schwingen...“ Der Mensch aber hat nach Klages durch seinen Geist den kontinuierlichrhythmisch fließenden Kosmos verlassen; Er zerreißt das Ganze und schafft dadurch gleichmäßigen, mechanischen Takt. Symbol des Taktes aber ist die verhaßte Maschine! Rhythmus ist niemals gleichmäßig und hart, sondern wiederholt als immer neuer Ausdruck der kosmischen Lebenskraft immer nur Ähnliches. Der Rhythmus schifft und ist Leben. Takt aber zerstört und negiert es. Bode hat diese Philosophie immer wieder erläutert und darauf seine Gymnastik aufgebaut.