Von Alfred Kellner

Unter dem Schutze eines Tabus steht, wer gegen Nationalsozialismus und Drittes Reich und deren Ursachen zu Felde zieht. Die literarischen Mittel solcher Anklagen mögen unzulänglich sein, ihre Argumente wackeln – man scheut sich, ihnen in den demokratischen Arm zu fallen, weil ärgste Mißverständnisse die Folge sein können.

Als vor einiger Zeit ein überaus unfertiges Buch über die NS-Literatur erschien, wurde einem seiner Kritiker vorgehalten, er führe Wasser auf die Mühlen der Nazis. Die Unverbesserlichen ihrerseits begannen den Mann für einen Gesinnungsgenossen zu halten, weil er anzumerken unterlassen hatte, daß sie sich seiner einst um Haaresbreite durch ein Todesurteil beraubt hätten.

Dergleichen sollte kein Kriterium sein. Es gibt zu viele schlagende Beweisführungen gegen den Nazismus, als daß sie die Fußkranken zu ihrer Schützenhilfe mitschleppen müßten, und eine Hysterie, die in jedem politischen Ärgernis gleich das Ende aller Demokratie sieht, kann dem Anlaß ihrer Sorgen auch den Gefallen unfreiwilliger Aufwertung tun.

Ich möchte unbefangen aussprechen dürfen, daß ich der Vortrags- und Essay-Sammlung von

Harry Pross: „Vor und nach Hitler – Zur deutschen Sozialpathologie“; Walter Verlag, Ölten und Freiburg; 267 S., 8,80 DM

noch vor Lektüre der ersten Seite mit Vorbehalten begegnet bin. Verrät nicht schon der Untertitel einen falschen Ansatz? Gewiß nimmt Pross dem Leser einigen Wind aus den Segeln, wenn er im Vorwort selber alles aufführt, was seinen medizinischen Terminus in Frage stellt. Die Gesellschaft sei ein Begriff, der keine Analogie zum biologischen Organismus dulde. Niemand wisse, wie im Gegensatz zur kranken eine gesunde Gesellschaft oder Gruppe aussehe. In der Regel müsse man sich gerade vor denen hüten, die gesunde Verhältnisse schaffen wollten.