Kann die Maschine den Menschen durchschauen? – Die Kybernetik hat die Grenze einer technischen Methodenlehre überschritten

Von Hoimar von Ditfurth

In der letzten Woche fand in Karlsruhe die Tagung der Arbeitsgemeinschaft Kybernetik statt. Rund vierzig Gelehrte, Ärzte, Psychologen, Ingenieure, Philologen und Soziologen aus mehreren europäischen Ländern, aus der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten berichteten über ihre Forschungsergebnisse. Kybernetik ist gekennzeichnet durch die Bemühungen der Ingenieure, maschinelle Systeme zu konstruieren, welche dem Menschen Sinnes- und Nervenleistungen abnehmen und durch das Bestreben, die gedanklichen Hilfsmittel der Technik als Quelle wissenschaftlicher Erkenntnis zu nutzen, erklärte Professor Karl Steinbuch, der die interessante Tagung leitete. Dr. von Ditfurth unterzieht die Behauptungen der neuen Disziplin einer kritischen Prüfung. Auf einige spezielle Themen, die in Karlsruhe diskutiert wurden, werden wir noch zurückkommen.

Was ist Intelligenz? Jeder glaubt es zu wissen, aber wie sie definieren? Der englische Mathematiker A. M. Turing hat vor einigen Jahren einen neuen, sehr bemerkenswerten Beitrag zu diesem Problem geliefert, das sogenannte „Imitation game“. Bei diesem Spiel sitzt ein Prüfer einem unsichtbaren Partner gegenüber, mit dem er lediglich durch elektronische Nachrichtenmittel verbunden ist. Mit Hilfe dieser Apparaturen stellt er nun – im Rahmen der apparativen Möglichkeiten beliebige – Aufgaben. Er läßt seinen unsichtbaren Gegenspieler Vergleiche ziehen und logische Schlüsse, er stellt ihn vor mathematische oder Schachprobleme, fordert ihn auf, aus einer Fülle von Informationen unter verschiedenen Gesichtspunkten die wesentlichen Daten herauszusuchen oder hinsichtlich gegebener Situationen den wahrscheinlichen weiteren Verlauf vorherzusagen.

Dabei ist nun auch der Prüfer selbst in das Spiel mit einbezogen, und zwar fällt ihm eine sehr überraschende Aufgabe zu: Er hat nämlich herauszufinden, ob der Partner, dem er seine Aufgaben stellt und von dem er Antworten in Gestalt verschiedener Lösungsvorschläge bekommt, ein Mensch ist – oder ein Automat. Wenn ihm diese Entscheidung nach einiger Zeit nicht möglich ist, dann, so konstatiert Turing, bestehen keine Bedenken, dem an dem Spiel beteiligten Automaten „Denkfähigkeiten“ zuzusprechen. Es bleibt hinzuzufügen, daß der menschliche Prüfer bei diesem Spiel meist der Verlierer ist.

Wohl durch kaum ein anderes Beispiel läßt sich mit gleicher Eindringlichkeit deutlich machen, welche unübersehbar bedeutungsvolle Entwicklung sich mit der Herausbildung jener technischwissenschaftlichen Disziplin angebahnt hat, die den unverfänglichen und, für den Laien, nichtssagenden Namen „Kybernetik“ trägt.

Auch der Mensch ist programmiert