Der 21. März war Jean Pauls zweihundertster Geburtstag. Am 22. März (in der Nr. 12/1963) veröffentlichte die ZEIT einen längeren Essay des Leipziger Germanisten Hans Mayer über „Jean Pauls wechselnden Nachruhm“. Eine Woche später (in der Nr. 13/63) erhob der Göttinger Germanist Walther Killy hiergegen Einspruch. Wenn wir beiden Disputanten heute noch einmal das Wort geben, so nicht allein Jean Pauls wegen, sondern weil hier, in der germanistischen Provinz, eine Kontroverse über Grenzen hinweg entstanden ist. Intelligente Kontroversen zwischen West und Ost haben Seltenheitswert.

Von Hans Mayer

Das hat man nun von seiner Gutmütigkeit. Da hält unsereiner als Gast der Goethe-Gesellschaft in Hamburg einen Vortrag über „Jean Pauls Nachruhm“; das Manuskript ist von gediegener Vortragslänge, spart nicht mit Zitaten und Belegstellen und besitzt auch ein angemessenes Ensemble der Fußnoten. Diesen Text gibt man einer verehrlichen Redaktion der ZEIT, die daraus, da das Ganze viel zu lang wäre, einen Auszug abzudrucken verspricht, denn der 200. Geburtstag Jean Paul Friedrich Richters steht vor der Tür.

Mit dieser Lösung konnte man um so eher einverstanden sein, als der vollständige Originaltext für die Sonderausgabe der Etudes Germaniques bestimmt worden war, die wissenschaftliche Zeitschrift also des französischen Germanistenverbandes. Man plante in Paris ein Jean-Paul-Sonderheft, das auch unseren Beitrag über den Nachruhm des Dichter in deutscher Sprache zu bringen gedachte.

Zunächst schien alles gut zu gehen. Das Sonderheft der Etudes Germaniques kam inzwischen heraus, und auch die Kürzungen für den Textauszug in der ZEIT wurden so geschickt vorgenommen, daß die wesentlichen Gedanken des Vortrags hervortraten. Freilich fehlten alle Belegstellen, Übergänge und ausführlicheren wissenschaftlichen Begründungen. Es stimmte also doch nicht so recht, das Mutteraug’ erkannte es sofort, und Walther Killy hatte nun eine – offenbar erwünschte – Gelegenheit zum Einschreiten.

Was ist hier zu tun? Nichts anderes, als daß man den Kollegen aus Göttingen bittet, sich den Originaltext in den Etudes Germaniques anzuschauen. Gefallen wird ihm die Analyse auch natürlich in ihrer vollständigen Gestalt nicht, aber er wird sich dann vielleicht fragen, ob es zweckmäßig war, in polemischer Erregung von „Tricks“ zu sprechen.

Ein Zitat freilich aus dem Vortragstext, das der Kurzfassung zum Opfer fiel, soll wenigstens nachgeliefert werden. Es stammt von Robert Minder, also einem der bedeutendsten französischen Germanisten unserer Zeit. Der Hinweis möge zeigen, daß unsere Betrachtungen über Jean Pauls Verhältnis zu seinen geschichtlichen Erfahrungen und insbesondere zur französischen Aufklärung mehr sind als eine Erfindung Hans Mayers. Daß es dabei ganz ohne „pseudomarxistische Tinkturen“ zugeht, wie Killy lustigerweise schreibt: ganz so, als sei er imstande oder auch nur willens, sorgfältig zwischen Marxismus und Pseudomarxismus zu unterscheiden.