Eigentlich leben Pelikane nur in warmen Gebieten. Zwei schwanengroße Abgeordnete der Schwimmvogelgattung aus der Sippe der Ruderfüßler fühlen sich offensichtlich jedoch auch im kühlen Norden wohl. In einer Teichanlage vor den Toren einer Fabrik an der Ausfallstraße in einer Wohngegend Hannovers werden sie bewundert und verwöhnt: die lebenden Wappentiere des Hauses Günther Wagner, Hannover, Pelikan Werke, des wohl führenden Unternehmens der Bürochemie in Europa.

Vor 75 Jahren sind die Vögel in die Öffentlichkeit getreten, als aus dem Familienwappen der Familie Wagner die geschützte, einprägsame Bildmarke wurde, die noch heute – wenn auch stilistisch vereinfacht – die rund 182 000 Artikel kennzeichnet und als Markenartikel ausweist, die das nun bereits 125 Jahre bestehende Unternehmen verlassen.

Dieses Doppeljubiläum des in die Gesellschaftsform der GmbH & Co. gekleideten Familienunternehmens war der Anlaß, erstmals mit Angaben über die Geschäftsentwicklung aufzuwarten, die in zweifacher Hinsicht bemerkenswert sind: einmal wegen der Freimütigkeit, in der sie bei aller Zurückhaltung gegeben wurden und der Erfolge, die sie verraten.

Wäre das Unternehmen eine Aktiengesellschaft, zählten die Papiere sicherlich zu den Spitzenwerten an der Börse. Doch die Gesellschaft braucht weder die Börse noch den Kapitalmarkt: Bei einem im vergangenen Jahr um 7,8 % auf „etwas über 140 Mill. DM“ gestiegenen Umsatz wurden die jährlichen Investitionen von 3 bis 4 Mill. DM aus eigener Kraft bestritten. Auch wenn 1962/63 die Investitionen, vor allem im Zusammenhang mit dem Ausbau der Auslands- und Inlandsniederlassungen, den doppelten Umfang erreichen, soll das weder mit Hilfe von Banken noch Dauerverbindlichkeiten geschehen, sondern im Wege der Selbstfinanzierung, die dank der im Bewußtsein der Käufer fest verwurzelten bildhaften Pelikan-Marke und der Qualität der Erzeugnisse möglich ist.

Daß der Einzelhandel dabei gute Hilfe leistet, steht außer Frage: Günther Wagner beliefert ihn „vornehmlich direkt“, gestützt auf zwölf eigene Niederlassungen im Inland, die das Zentrallager entlasten und – zusammen mit dem Großhandel – seine schnelle Belieferung gewährleisten.

Im Ausland bestehen nun, nachdem im Zweiten Weltkrieg 19 Niederlassungen und Fabriken in Europa und Übersee verlorengingen, wieder sieben Tochterunternehmen in Schweden, Österreich, der Schweiz, Italien, Spanien, Argentinien und Brasilien, während in Mexiko und der Türkei Werke im Bau und geplant sind.

Der Auslandsanteil betrug 1962 rund 35% des Gesamtumsatzes, er vermochte der Zuwachsrate des Gesamtumsatzes nicht ganz zu folgen. Etwa ein Drittel des Exportes geht in den EWG-Raum, rund 20 % in die EFTA-Länder und die restlichen 47% in die übrigen Gebiete, vor allem nach Übersee. Künftig will Pelikan durch den Ausbau der Verkaufsorganisation, gezielte Werbemaßnahmen und eine weitgehende Rationalisierung und die Schaffung eines speziellen EWG-Sortimentes der europäischen Entwicklung begegnen.

Bei einem so breiten Sortiment mit den Artikelgruppen Kohlepapier, Schreibgeräte, Schreibbänder, Zeichengeräte, Tinten und Klebstoffe sowie Farben und Tuschen (bei den Farbbändern werden allein 10 000 Typen gefertigt) ist das ein dringendes Erfordernis. Solange derart zahlreiche Typen hergestellt werden müssen, wird im Fertigungsbereich trotz aller Rationalisierung die bis in kleinste Arbeitsgänge zerlegte Handarbeit überwiegen. Allein 120 Arbeitsgänge werden beispielsweise beim Füllfederhalter gezählt. Jede Feder wird mit der Hand eingeschrieben, jedes Kohlepapier per Hand durchgeblättert, gezählt und einer Augenkontrolle unterworfen. Kein Wunder, daß die Personalkosten bei zugleich vorbildlichen Sozialleistungen 30% vom Bruttoumsatz ausmachen und 4000 Mitarbeiter in Hannover und über 5000 Personen einschließlich der Niederlassungen und Auslandstöchter beschäftigt werden (gegenüber 2400 vor dem Kriege) und zeitweise noch bis zu 300 Heimarbeiter für – das Unternehmen tätig sind, das Tradition und Forschritt sinnvoll zu vereinen weiß. Walther Weber