Charles de Gaulle pflegt seine Äußerungen in den Mantel erhabener Orakelhaftigkeit zu kleiden; er ist ein Meister der halben Hinweise und der vernebelnden Vagheiten. Aber so unverständlich spricht er wiederum auch nicht, daß seine Doppelzüngigkeit den Exegeten entgehen könnte.

In Bar-sur-Aube hat sich der General am vergangenen Sonnabend in europäische Pose geworfen. Da Frankreich dem deutschen Volk die Hand gereicht habe, so schilderte er, sei nun in Europa die Schaffung einer politischen und militärischen Union möglich geworden. „Wir müssen Europa bauen, ein Europa, das sich aus alten Nationen zusammensetzt, die heute voller Jugendlichkeit sind.“

Der Mantel des guten Europäers, den sich de Gaulle in der Champagne überwarf, wirkt freilich fadenscheinig – und nicht nur, weil Frankreichs Staatspräsident abermals die Briten aus seinem Europa ausschloß. So rasch läßt sich nicht vergessen, wie er die Arbeit der Fouchet-Kommission torpediert hat, die den Weg zu den Vereinigten Staaten eines Europa der Sechs abstecken sollte. Und so leicht lassen sich auch die Barrikaden nicht übersehen, die er am 19. April aufs neue verstärkte, als er in seiner Fernsehaussprache sagte: „Europa sollte Europa sein; Frankreich sollte Frankreich sein. Jedes System, das internationalen. Körperschaften Souveränitätsrechte überträgt, wäre unvereinbar mit den Rechten und Pflichten der französischen Republik.“

Für uns freilich kann nur ein solches System in Frage kommen. Jenes Europa, das der greise General in seinen TV-Monologen entwirft, ist kein lohnenswertes Ziel; und keines, das den vollen Einsatz des deutsch-französischen Vertrages rechtfertigen könnte. Th. S.