Moskaus Lockung für Westberlin: mehr Handel

Berlin, im April

Wenn nicht alle Zeichen trügen, wird hauptabteilungsleiter Heinz Behrendt vom DDR-Ministerium für innerdeutschen und Außenhandel mit Dr. Kurt Leopold demnächst wieder die Verhandlungen über Passierscheine für Westberliner aufnehmen. Das Angebot der Bundesregierung, für Passierscheine einen 4000 Millionen-Kredit zu gewähren, liegt immer noch auf dem Tisch. Es geht lediglich darum, ob Ostberlin bereit ist, wie eh und je von Währungsgebiet zu Währungsgebiet zu verhandeln – also nicht darauf zu bestehen, daß im Sinne der Drittstaattheorie statt Dr. Leopold ein Berliner Vertreter das vorgesehene politische Protokoll unterzeichnet.

Die Zeichen, die sicherlich nicht trügen, stammen von Angehörigen der sowjetischen Botschaft unter den Linden. Sie deuten auf eine taktische Änderung der sowjetischen Berlinpolitik hin. Grundsätzlich bleibt dies das sowjetische Ziel: Westberlin soll eine freie, das heißt bundesunabhängige Stadt werden.. Auf den Willen der Berliner Bevölkerung wollte man dabei bisher keine Rücksicht nehmen. Neuerdings gibt es Anzeichen dafür, daß die Sowjets versuchen wollen, die Berliner zu einem Sinneswandel zu bewegen. Auf dem Wege über die „friedliche Koexistenz“ soll das Berlin-Problem im sowjetischen Sinne gelöst werden. Dies schien jedenfalls ein hoher sowjetischer Diplomat vor einigen Tagen anzudeuten, als er sagte: „Es war leichter, Berlin militärisch zu erobern, als die Berliner heute zu einer Politik der friedlichen Koexistenz zu bringen.“

Der Satz zeugt von einer richtigen Einschätzung der Lage und sollte die Sowjets zu der weiteren Erkenntnis führen, daß eine Lösung der Berlin-Frage nur unter zwei Bedingungen überhaupt angestrebt werden kann: daß die Menschen vom Westen und Osten der Stadt wieder miteinander verkehren können und daß die Zugangswege von und nach Berlin verläßlich gesichert werden.

Inzwischen streckte die sowjetische Botschaft, die bei der DDR akkreditiert ist, verschiedene Fühler aus. Handelsrat Krutko, Leiter der Handelsabteilung der Botschaft, lud Westberliner Wirtschaftsführer zu einem Empfang. Es kamen etwa 40 bis 45 Repräsentanten weltbekannter Firmen. Es waren nicht immer die Vorstandsmitglieder, denn diese hatten sich dahingehend unterweisen lassen, daß für sie eigentlich die Botschaft, die bei der Bundesregierung akkreditiert ist, zuständig sei.

Krutko gab seinem ersten Empfang für Westberliner einen feierlichen Glanz, In den Morgenstunden des vergangenen Mittwoch schrubbte eine ganze Brigade von Putzfrauen den Bürgersteig vor dem Hause der Handelsabteilung mit Wasser und Seife. Die Empfangsräume erhielten kostbaren Blumenschmuck. Als Ehrengast präsentierte Handelsrat Krutko seinen neuen Botschafter Abrassimow. Im Hintergrund standen sämtliche Handelsräte der Ostblockmissionen, die in Berlin akkreditiert sind. Die Westberliner Gäste verstanden sehr wohl, daß dieser Empfang so etwas wie der Auftakt einer neuen sowjetischen Aktion in Richtung Westberlin darstellte.