Von Marion Gräfin Dönhoff

Tel Aviv, im April

Die traditionelle Parade zum Unabhängigkeitstag Israels, die am 29. April in Haifa stattfand, bot der Regierung Gelegenheit, dem Volk zwei neue Waffen vorzuführen, die von allen mit großer Genugtuung bewundert wurden: Die Mirage III, ein von Frankreich erworbener Jäger, der mit mehr als doppelter Schallgeschwindigkeit fliegt, und ferner die französische Anti-Tank-Rakete Nord SSL, die auch in der NATO verwandt wird.

Die Mirage, von der rund 30 Stück gekauft wurden, (oder, wie ein Gerücht behauptet, die dreifache Anzahl), kostet eine Million Dollar per Stück. Daß solche Investitionen in einem armen Lande nicht nur gebilligt, sondern vom Volk dankbar begrüßt werden, hängt damit zusammen, daß sich die Israelis ständig bedroht fühlen. Man muß einmal in einem Kibbutz im Südosten des Tiberiassees an der syrischen Grenze die frischen Kugeleinschläge in den Häusern und Ställen gesehen haben (vor ein paar Monaten wurden dort 20 Kühe getötet) und man muß sich die stets wiederholten Drohungen der Nachbarn, den Staat Israel zu liquidieren, vor Augen führen, um zu verstehen, warum dieses Volk bereit ist, die höchste Rüstungslast der Welt zu tragen.

„Sie müssen sich vorstellen, daß jeder Winkel dieses Landes von den Nachbarn mit Artillerie belegt werden kann!“ Der sehr kompetente Israeli, der dies sagte, fügte noch hinzu: „Und Sie dürfen nicht vergessen, daß allein die Ägypter über tausend russische Panzer verfügen – tausend Panzer, das ist mehr als Rommel für den Afrika-Feldzug des Großdeutschen Reiches zu Verfügung hatte. Und noch eins: Ein ägyptisches Flugzeug, das auf einem der Plätze in Sinai aufsteigt, ist in drei Minuten über Israel, während die unseren bis Kairo 17 bis 20 Minuten brauchen.“

Wie man in Israel die vorgesehene Föderation von Ägypten, Irak und Syrien beurteilt? Man glaubt hier, daß dieser Zusammenschluß nicht unbedingt ein Ausdruck überströmender panarabischer Begeisterung ist. Man ist vielmehr der Meinung, der Irak habe sich im Laufe der Verhandlungen zu mehr verpflichtet, als er ursprünglich vorhatte. (Wahrscheinlich um den Kontakt mit Syrien nicht zu verlieren, was unweigerlich geschehen würde, wenn die Nasser-Anhänger dort die Oberhand gewönnen.) Man ist ferner der Meinung, daß Syrien sich eher aus einem Gefühl der Schwäche als aus dem Bewußtsein überlegener Stärke zu dem Dreibund entschlossen hat.

Viel entscheidender aber als das Zustandekommen oder Nichtzustandekommen der Föderation ist für Israel die Frage: Was wird aus Jordanien? Die Unruhen der letzten Wochen haben zweierlei gezeigt: Erstens, daß der König sich offenbar auf die Loyalität seiner Armee verlassen kann, zweitens aber auch, daß der Bestand seines Regimes ausschließlich von dieser Armee abhängt. Und das ist nun wirklich auf längere Sicht keine zuverlässige Garantie. Indes: Ich hätte, als ich 1958 kurz nach der Ermordung des irakischen Königs in Amman war und mit König Hussein, dem Vetter des Ermordeten sprach, nie für möglich gehalten, daß Hussein 1963 noch amtieren würde.