Das hätte die Feuilletonredaktion der ZEIT nicht wortlos tun sollen: ein mit „Zitaten und Belegstellen“ gediegen bekleidetes Manuskript aller wissenschaftlichen Begründung zu entblößen und dann nackt in die literarische Welt zu schicken. Da stand es, gedruckt und verfremdet, nur zu erkennbar in seinem Körperbau, der in den Etudes Germaniques von der ganzen anziehenden Eleganz der Hans Mayer eigenen Darstellungsweise verhüllt war. Der vollständige Aufsatz erscheint maßvoll und klug und hätte niemals den Anstoß erregt, welchen die Kurzfassung in ihrem adamitischen Zustand hervorrufen mußte. Aber so gern unser Blick auf der Eleganz verweilen würde – die eine Blöße kann sie doch nicht decken.

Alle Unterhaltung über grundsätzliche Positionen (so willkommen diese wäre) ist zwecklos, solange man die anstößige Stelle nicht wahrhaben will, die den Sündenfall im Jean-Paul-Bild des Leipziger Kollegen sichtbar macht. Sie ist in der gekürzten Fassung ebenso deutlich wie in der langen. In beiden Fällen wird gezeigt, Jean Pauls Theorie des Humors gründe sich auf den Kontrast des Endlichen mit der Idee, den der Paragraph 32 der „Vorschule“ behandelt. Obwohl Jean Paul im voraufgehenden Paragraphen mit der wünschenswertesten Deutlichkeit die Idee mit dem Unendlichen gleichgesetzt und so der geschichtlichen Welt entrückt hatte (was zum Begriff gehört), nimmt Hans Mayer eine dem Text nach Geist und Buchstaben widersprechende Veränderung vor. Er identifiziert das bloße Wort Idee („die Idee, die Jean Paul immer wieder meinte“) zunächst vage, dann bestimmt mit der „Idee der Aufklärung“. Er läßt Jean Pauls Nachruhm an dem Verrat scheitern, den diese vorgeschobene Idee erfahren mußte, und er unterlegt seinem Werke die Hauptabsicht, Aufklärung, Rousseauismus und deutsche Zustände mit den Mitteln des Humors zu versöhnen.

Der Leser denke ja nicht, daß das soeben von mir Wiederholte gelehrte Kleinkrämerei sei; ich weise mit so ärgerlicher Beharrlichkeit auf diese Stelle, damit ein jeder nachschlagen könne, wie es mit der Begründung der Mayerschen These vom politischen Jean Paul steht. Ich tue es um der Geschichte und um der deutschen Misere willen, die nicht zuletzt von jeher darin bestand, daß die Weltanschauungen den Vortritt vor den Wahrheiten hatten. Nur weil dem so ist, darf ein Autor von Hans Mayers Gescheitheit einen klar zutage liegenden textlichen und historischen Sachverhalt verändern. Er tut es, damit das von ihm entworfene Bild stimme; nicht etwa um zu fälschen, sondern mit der Voreingenommenheit, die jede verabsolutierte Fragestellung notwendig bewirkt.

Allerdings haben wir im westlichen Deutschland viel Veranlassung zu solcher Einseitigkeit gegeben. Zu oft beschäftigt man sich auf Schulen und in Seminaren mit der Poesie so, als ob sie außerhalb der Geschichte daheim sei. Man sucht (ich habe es in dieser Zeitung oft gesagt) „Lebenshilfe“, man interpretiert nur immanent, oder man pflegt die weltanschaulich-existentiellen Kurzschlüsse, die ein ganzes episches Werk in ein allegorisches System für halbphilosophische Begriffe aufzulösen imstande sind. Dies alles aus Angst vor einer vergangenen „geistesgeschichtlichen“ Betrachtungsweise, die mir – das weiß Hans Mayer – so fern wie ihm liegt, die aber immerhin zu einer Tugend erzog: zu beachten, was geschrieben steht. Man hat vergessen, daß auch die Dichtung ein Kind der Geschichte ist.

Aber man darf über dieser Erkenntnis nicht in den Irrtum verfallen, daß die Dichtung mit geschichtlichen Betrachtungsweisen allein zu begreifen sei, und schon gar nicht mit den Prozeduren, welche die zum Zwecke der „Gesellschaftsgeschichte“ umgebogenen Instrumente des Historismus ermöglichen. Hans Mayers Gleichsetzung von Geschichte und Gesellschaftsgeschichte ist eine ideologische Voraussetzung, an der sich die Geister allerdings scheiden. Wer sie verneint, behauptet deshalb noch lange nicht, daß das „Schaffen“ der Klassiker und Romantiker mit den geschichtlichen Ereignissen der Epoche nichts zu tun habe (hier ist die gleiche Verschiebungsmethode am Werk wie bei unserem Paragraphen 32!). Es hat so viel damit zu tun, es verwirklicht ihre ganze Not und Fülle so sehr, daß man ihm mit dem schwächlichen Werkzeug einer einzigen überanstrengten Frage nicht beikommen kann.

Bedürfte es dazu eines Beispiels, so ist es Mayers Anspruch, mit seinem Aufsatz eine Skizze von Jean Pauls Nachruhm gegeben zu haben. „Nachruhm“ ist kein Abstraktum. Das Wort bezeichnet die Fortwirkungen eines großen Mannes in der Zeit. Sie werden nicht begreiflich, ohne daß man sich nach Kräften das Wirkende vergegenwärtigt: Was wurde aufgenommen, was wurde verkannt, vergessen, verraten, verschenkt? Das Jahrhundert hat nicht allein Jean Paul verraten, und nicht allein aus „politischen“ Gründen. Dem seichten, aber militanten Optimismus der Gründerjahre mußte die visionäre Unruhe des Dichters so zuwider sein wie eine jede Denkweise, welche die letzten Fragen lösen zu können glaubt. Jean Pauls unheimliche Anthropologie konnte nicht wahrgenommen werden, solange man einem flachen Humanismus huldigte. Die ganze Überfülle seiner künstlerischen Möglichkeiten und Absichten mußte verloren bleiben, solange „Realismus“ einen künstlerischen Endwert darstellte.

Hans Mayer sollte die Jean-Paul-Zitate, mit denen ich diese Sachverhalte abkürzend anzudeuten suchte, nicht in den Bereich des wissenschaftlichen Kitsches verweisen: Auch mir lag die Absicht einer „unmittelbaren Deutung des Phänomens“ nicht in erster Linie am Herzen, so wenig wie ich Rehm und Kommerell als Germanisten genannt habe. Wenn man Gervinus’ Mißverständnisse zitiert (der auf über 45 Seiten seiner Literaturgeschichte denn doch nicht so simpel mit Jean Paul verfährt), wenn man Scherer hervorholt, wenn man so tut, als kenne George nur den lyrischen Jean Paul (wogegen allein schon die „Lobrede“ in „Tage und Taten“ spricht), dann müssen auch diejenigen genannt werden, die ganze Dimensionen im Werk des großen Dichters ins Bewußtsein gebracht haben. Man muß sie nennen, selbst wenn diese Dimensionen nicht mit dem eigenen Entwurf harmonisieren wollen und wenn sie überdies Professoren eines Faches sind, dem auch bei Jean Paul die eigentlichen Aufgaben erst gestellt werden.

„Wachttürme wandte man oft zu Bibliotheken an; leichter werden euch diese zu jenen!“ Ich denke, daß Hans Mayer ein solches politisches Jean-Paul-Wort (aus einer der politischen und ach so unrealistischen Schriften, die nur ein sehr kleiner Teil des Riesenwerkes sind) trotz dieser allzu kurzen Kontroverse nicht zum wissenschaftlichen Kitsch rechnet, sondern mit mir unterschreibt. Unterschreibt man es nicht, so ist unser Beruf sinnlos geworden, so sinnlos, wie wenn er es aufgibt, zuallererst dem Wortlaut des Dichters zu dienen.