Von Wolfgang Leonhard

Die Kampagne des Parteiapparats gegen die Reformströmungen in der sowjetischen Literatur und Kunst ist während der letzten Wochen nicht nur bedeutend verschärft, sondern auch auf neue Personen und Bereiche ausgedehnt worden.

Es kann heute kaum mehr ein Zweifel daran bestehen, daß diese Kampagne sorgfältig vorbereitet wurde. Die ideologische Kommission des Zentralkomitees, unter Leitung des Chefideologen Leonid Iljitschow, hat dabei sicher eine entscheidende Rolle gespielt. Nicht zufällig gab Iljitschow mit seinen Reden Ende 1962 das Startzeichen für das jetzige Kesseltreiben.

Erst Anfang März 1963 folgte dann das Treffen der Parteiführer mit den Schriftstellern und Künstlern, wobei Chruschtschow das „richtungweisende“ Referat hielt.

Danach folgte es Schlag auf Schlag: Mitte März die Moskauer Schriftstellertagung, Mitte April die Konferenz der sowjetischen bildenden Künstler, wenige Tage später die Tagung der sowjetischen Filmschaffenden.

Zur gleichen Zeit rollten auch in den Zentren der Unionsrepubliken die Parteitagungen mit der künstlerischen Intelligenz wie am laufenden Band ab. Für den 8. Mai ist eine All-Unions-Konferenz junger sowjetischer Schriftsteller angekündigt, und am 28. Mai soll der Höhepunkt folgen: Eine Plenartagung des sowjetischen Zentralkomitees wird sich mit den ideologischen Aufgaben der Partei“ beschäftigen, wobei die sowjetische Kulturpolitik im Mittelpunkt der Debatte stellen soll. Berichterstatter des Zentralkomitees: wiederum Leonid Iljitschow.

In den letzten Wochen sind Dutzende von Schriftstellern, Dichtern, Malern, Bildhauern und Filmregisseuren kritisiert, angegriffen, ja diffamiert worden; drei Autoren äber mehr als alle anderen: Ilja Ehrenburg, Viktor Nekrassow und Jewgenij Jewtuschenko.