Alte Fürstenschulen in neuer Form – Eine Tradition lebt wieder auf

Von Christian Farenholtz

Die sächsischen und brandenburgischen Fürsten- und Landesschulen – Schulpforta, Grimma, Meißen und das Joachimsthalsche Gymnasium in Templin – existieren in ihrer alten Form heute nicht mehr. Sie liegen in der DDR. Ihre Tradition, aber soll jetzt weiter fortgeführt werden: In einer neuen Schule, die in absehbarer Zeit in Meinerzhagen im Sauerland entstehen wird. Die evangelische Kirche und das Land Nordrhein-Westfalen unterstützen dieses Vorhaben, das auf Betreiben ehemaliger Fürstenschüler in Angriff genommen worden ist.

In einem Restaurant im Herzen der Stadt sitzt im Vereinszimmer eine Gruppe jüngerer und älterer Männer. Die Luft ist rauchgeschwängert, der Ober hat zu tun, geleerte Biergläser durch gefüllte zu ersetzen; das Gespräch ist laut, fröhlich, es lebt vom: „Weißt du noch?“ Es sitzen zusammen die „alten Schüler“ des Stadtgymnasiums – monatlich, vierteljährlich.

Reden werden gehalten, neue und alte Bilder gezeigt, getauscht. Gelächter belohnt uralte Geschichten von uralten Lehrern – das Bild ist vertraut und die Atmosphäre entbehrt für den Außenstehenden nicht der Komik: Sie lebt vom Rückblick und der Erinnerung an die Knabenzeit. Die Grauhaarigen werden selber zu Knaben; bei manchem verklärt sich die Vergangenheit, verklärt sich die inzwischen modern, unromantisch und hektisch gewordene Heimatstadt.

Die „Vereinigungen alter Schüler“ der alten sächsischen und brandenburgischen Fürstenschulen Schulpforta, Grimma, Meißen und die des Joachimsthalschen Gymnasiums in Templin sind seit 1945 heimatlos. Die alten Schulen in Mitteldeutschland sind geschlossen, verändert, sind tot. Jedoch: Hier im Westen scheint sich nun um diese heimatlosen Vereinigungen ein Wunder abzuzeichnen. Unter den aktivsten und treuesten der alten Schüler wuchs der Entschluß, zur Erhaltung der kaum schätzbaren Tradition jener bewährten Schulen eine neue Schule in der Bundesrepublik zu gründen, zu bauen und ihr die alten Erfahrungen mitzugeben. Dieser Entschluß steht nun in Meinerzhagen im Sauerland vor der Verwirklichung. Es ist wohl nötig, von den alten Schulen einiges zu erfahren, um das, was nun im Sauerland bereits begonnen ist, zu verstehen.

Humanismus und Reformation bezeichneten die Umbruchsituation, in der Moritz von Sachsen in der Mitte des 16. Jahrhunderts die Fürsten- und Landesschulen St. Afra zu Meißen, St. Marien zur Pforte und St. Augustin zu Grimma stiftete, um mit diesen besonders privilegierten Schulen geistiges Leben, Kultur und Bildung in Sachsen zu fördern. Der gleiche Wunsch veranlaßte 1607 den Kurfürsten Joachim Friedrich in Brandenburg eine ähnliche Schule – das Joachimsthalsche Gymnasium – zu gründen.