Eine utopische Psychoanalyse, von der kein Weg zur Wirklichkeit führt

Von Ludwig Marcuse

Mit der Vorstellung „Kulturkritik“, die nicht recht profiliert ist, kann dreierlei gemeint sein: eine Beschreibung der Gegenwart, meist ihrer Übel (wie schon im Wort Kritik das Negative vordringlich ist); die Diagnose (woher stammt das Schlimme?); die Methode, mit der es zu eliminieren ist. Ängstliche Kritiker legen sich in Punkt zwei und drei nicht fest.

Christen, Marxisten, Buddhisten, Freudianer sehen und beklagen ungefähr dasselbe; gemeinsam ist ihnen auch, daß sie, mehr zurückhaltend oder mehr vorwärtsdrängend, Angenehmes kaum zu melden wissen; besonders ungerecht wird, nebenbei, die Technik behandelt, die mehr gepriesen zu werden verdiente. Sieht man genau hin, so sind wir gesegnet mit hoffnungsvollen Miesmachern.

Die verschiedenen Diagnosen werden von den entsprechenden Vokabularen gespiegelt: im Zentrum ist die Sünde oder die Ausbeutung oder die Verdrängung – drei Vergehen, die sich nur in der Ausmalung der ursprünglichen Untat, auf die sie zurückgehen, unterscheiden. Die Pfiffigsten machen deshalb aus Sünde, Ausbeutung und Verdrängung ein undurchsichtiges Gemisch.

Das Arge rückgängig zu machen, ist das Ziel der Therapie. Es kann, nach Augustin und Marx, nur in dem langen Heilsprozeß erreicht werden, den man die Geschichte der Menschheit nennt. Man verriet allerdings nie, daß in diesen Eschatologien der einzelne verloren ist. Das Christentum spendete wenigstens den Trost: verloren nur solange, als er auf Erden weilt.

Freud begann als Arzt – und blieb Arzt. Kein Arzt vertröstet den Patienten auf das Ende der Zeit – er flickt ihn lieber etwas zusammen. Er versuchte, Kranke so gut wie möglich zu kurieren. Der ewige Einwand, daß er ihn im besten Fall an eine schlechte Gesellschaft anpaßte, ist das ewige Argument der Utopisten: lieber gar nichts als nicht alles. So ist auch Professor Norman O. Brown, geboren in Mexiko, erzogen in England, Professor für klassische Sprachen und Mythologie in Amerika, unzufrieden, daß Freud nur einigen Menschen ein wenig zu helfen suchte und nicht der gesamten Menschheit. In seinem Buch