Italien ist für die meisten jungen Leute vermutlich das Land der Badehotels internationalen Stils an blauer Adria, Heimat rassiger Damen à la Sofia Loren und höchstens Herkunftsort der Gastarbeiter, die von den Vätern der jungen Leute gern noch als Fremdarbeiter bezeichnet werden.

Genau in der Heimat vieler dieser Gastarbeiter spielt das Buch, das diesen romantischen bis hochmütigen Vorstellungen ein Bild entgegenstellt, das alle Vorurteile oder Klischees auslöscht und vernichtet –

Saverio Strati: „... leben wie ein Mensch“, aus dem Italienischen von Edith Seidel; Herder Verlag, Freiburg; 314 S., 14,80 DM.

Strati, 1924 in Kalabrien, einer der kärgsten und ärmsten Provinzen Italiens, geboren, war bis zum 21. Lebensjahr Maurer, und sein Roman von dem Jungen Emilio wird viele autobiographische Züge tragen, auf jeden Fall von der bitteren und gefährlichen Erfahrung gespeist sein.

Emilio ist Halbwaise und am Anfang des Romans, der mehrere Jahre umspannt, zwölf Jahre alt. Seine Mutter wendet ihre ganze Liebe dem jüngeren Bruder zu, der es mit Hilfe eines Priestervetters später zu etwas bringen und dem Namen der verarmten Familie wieder Glanz verleihen soll.

Das halbe Kind schuftet zwölf bis sechzehn Stunden am Tag in den Olbergen, in der Ölmühle, als Hirte und als Köhler im Gebirge. Sein Lohn ist gering, und sein Traum ist, auszuwandern und in den USA soviel Geld zu verdienen, daß er das vom Vater verlorene Gut wieder zurückkaufen kann.

Das Buch schließt mit Emilios Abschied vom Dorf. Aber der Leser begreift: das ist kein happy end, es ist nur eine Etappe. Arbeit, Enttäuschung, aber auch Freundschaft und Zufriedenheit werden jenseits des Atlantik ebenso auf Emilio warten wie daheim. Emilio treibt nicht der Wunsch nach Glück, sondern nach dem besseren Lohn der Arbeit.