Die Mode befindet sich – und das nicht nur in Paris, sondern auch in allen anderen Zentren der Mode-Manufaktur in einer „Situation“. Seit dem Beginn dieses Jahrzehnts ungefähr versucht sie, mit dieser Situation fertig zu werden, was ihr bisher auch immer noch gelungen zu sein scheint. Um diese „Situation“ und also auch die Voraussetzungen, unter denen heute Mode gemacht und verkauft wird, kurz zu erklären: die Historie, die Kultur und die Diktatur, deren die Mode fähig ist, reichen ins Archaische zurück. Für uns hat die Mode jedoch erst seit dem Ende des letzten Krieges Bedeutung. Was davor war, selbst die Mode der zwanziger und dreißiger Jahre, ist bereits in der Requisitenkammer der großen Eitelkeit eingemottet, ist Geschichte, von der allerdings hin und wieder dies und das entlehnt wird.

Mit Diors weiblich prononciertem New Look trat die wandelbare Dame wieder auf die Bühne des allgemeinen Interesses, und dann hat sie ein Jahrzehnt lang mit dramatischem Feuerwerk die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Aber der schnelle Wechsel der Linien und Schlagworte – H-Linie, Sackkleid und kniefreie Röcke – war wohl psychologisch als Folgeerscheinung des Krieges erklärbar und in dem Konkurrenzkampf aufstrebender Pariser Modehäuser begründet, war aber ungesund und konnte nicht von Dauer sein. Als nach Wespentaillen und Kurvenlook Christian Dior schließlich in einer Radikalkur zur geraden H-Linie überging, hatte das zwar große Aufregung zur Folge, und man (was in diesem Fall besser mit zwei „n“ geschrieben werden sollte) war sich klar darüber, daß dies nicht von Dauer sein könne. Indessen, sie war von Dauer. Man ließ im Laufe der Jahre dann wieder sanfte, sehr vorsichtige Kurven zu, aber die Mode beschied sich nur anzudeuten, den Damen das „Understatement“, die unterbetonte, lässige Eleganz des absolut Unauffälligen zu testieren.

So ist es seit Jahren, und darin ist die „Situation“ der Mode zu sehen. Denn der bequeme, unauffällige Chic, den die Frauen jetzt lieben und an den die Männer sich mühsam gewöhnt haben, hängt allenthalben reichlich „im Schrank“. Die Frauen wollen sich von ihrer eleganten Bequemlichkeit nicht trennen, aber mit weiblicher Logik seufzen sie nach „den Neuigkeiten“, mit denen sie wieder einmal „anders“ und von neuem attraktiv wirken könnten.

Die Modeentwerfer befinden sich in einer Zwickmühle: Neues muß es sein, damit die Frauen Lust haben zu kaufen; zu radikalen Veränderungen haben aber eben diese Frauen keine Lust, es sei denn, diese Veränderungen seien so hinreißend chic, tragbar, bequem, zeitgemäß, daß niemand ihnen zu widerstehen vermöchte. Da aber scheint der wunde Punkt zu liegen. Dieses utopische Bild hat noch keiner der Modeschöpfer vor Augen.

In dieser Situation haben sich die Berliner Konfektionäre ebenso zurechtgefunden wie die Modeleute in Paris, London, Florenz und New York. Zur Zeit zeigen auf der 52. Durchreise (Durchreise ist eine Bezeichnung für diese Modemesse, die noch aus den Zeiten der Vorkriegskonfektion stammt, da man von Breslau nach Hamburg und von Königsberg nach Frankfurt reiste und Berlin auf der Durchreise besuchte) rund 400 Berliner Firmen, eine Anzahl westdeutscher und auch ausländischer Konfektionäre ihre Herbst- und Winterkollektionen.

Man muß sich die Berliner Bekleidungs-Industrie als eine Pyramide vorstellen: Die Spitze wird von einigen Modellhäusern gebildet, zu denen Namen wie Claussen, Gehringer und Glupp, Uli Richter, Hermann Schwichtenberg und Staebe-Seger gehören, dann folgen die sogenanten „modelligen“ Häuser, dann Mittel- und Stapelgenre, die alle darauf bedacht sind, auf ihrer jeweiligen Basis „modisch“ zu sein. Paris ist und bleibt ihnen Vorbild.

Der Berichterstatter geriete jedoch in Gewissensnot, wollte er behaupten, die Mode, die jetzt für Herbst und Winter vorbereitet wird, wäre neu. Es bleibt beim schmalen, ziemlich geraden, häufig leicht unterbetonten Typ. Aber man ließ sich viele abwechslungsreiche und kleidsame Details einfallen, so daß diesen jüngsten Kollektionen doch ein Hauch von Neuheit und verkäuflicher „Aktualität“ anhaftet. Man ist luxuriös, aber der Luxus hat mehr innerlichen Charakter, das heißt, man verarbeitet sehr teure Stoffe und die kostbarsten Pelze, und da die Modellkollektionen hervorragend gearbeitet sein müssen, steckt schon allein ein großer Schneiderlohn in diesen Sachen.