Von Theodore H. White

Revolution im Pentagon – 2

Der Mann, der an die Spitze des amerikanischen Militärapparates tritt, übernimmt eine verwirrende Aufgabe. Sie wird dadurch noch schwieriger, daß das Pentagon selber ein verwirrender Ort ist. Plump und häßlich, feucht und zugig spreizt sich das aschfarbene Gebäude über das sumpfige Gelände am Potomac-Fluß – einer der greulichsten, deprimierendsten Ameisenhaufen der Welt.

Zunächst einmal ist das Pentagon riesig: ein ungeheures Labyrinth von 7000 Büros, 1900 Toiletten, 150 Treppenhäusern und 30 Kilometern düsterer Korridore, das bei fast all den 25 000 Menschen, die dort arbeiten, ob Angestellter oder General, die Furcht auslöst, sie könnten sich einmal verirren und vergessen werden. Dann aber leben all jene, die nicht verirrt und vergessen sind, unter ständiger Spannung. Vielversprechende junge Offiziere, die eben erst strotzend vor Gesundheit von der Truppe gekommen sind, behaupten ernsthaft, ihre neuen Geschwüre, Kopfschmerzen, Erkältungen und Schnupfen seien Symptome einer spezifischen Krankheit namens Pentagonitis. Aber die Pentagonärzte bestreiten, daß es diese Krankheit gibt; sie sagen, es seien einfach die Nerven. Und die nervöse Anspannung wird um so stärker, je höher einer in der Pentagon-Hierarchie nach oben klettert. Auf den Kommandohöhen zeitigt das Pendeln zwischen der Demütigung des Gehorchens und der Ekstase des Befehlens die akutesten Wirkungen.

Wer das Pentagon verstehen lernen will, muß vor allen Dingen eines begreifen: daß nur eine Handvoll Männer in dem ganzen Gebäude wirklich wichtig sind. Man schneide zwischen dem Mall-Portal und dem River-Portal ein Stück aus der Riesentorte; trenne von diesem Stück den äußeren Rand ab, den sonnendurchstrahlten E-Ring; mache diese Randschnitte zwei Schichten stark, nämlich den zweiten und dritten Stock – dann hat man, in solch einem winzigen Teil des größten Bürogebäudes der Welt, die 20 oder 30 Männer, die Amerikas Militärpolitik und Strategie bestimmen. Sie muß man sich vor allem ansehen – erst die Zivilisten im politischen Stab der Ministerien für Verteidigung, Heer, Marine und Luftwaffe; und dann die Generale und Admirale, die von diesen Zivilisten für die Befehlsposten ausgesucht und in ihrer Dienstausübung überwacht werden sollen.

Dabei fällt einem sogleich auf, daß McNamara sich ungewöhnlich viele Ivy Leaguers verpflichtet hat – Absolventen der angesehenen, efeuumrankten Universitäten des amerikanischen Nordostens. Stellvertretender Verteidigungsminister ist Roswell L. Gilpatric, ein Yale-Mann; der Heeresminister und der Luftwaffenminister waren in Yale; der Staatssekretär für Personalfragen kommt von dieser Universität. Ein Harvard-Mann und ein Yale-Mann stehen in der Abteilung für Internationale Sicherheit an erster und zweiter Stelle; ein Princeton-Mann ist Staatssekretär für öffentliche Angelegenheiten.

Freilich wäre es engstirnig, wollte man diese Massierung von Absolventen fashionabler Universitäten darauf zurückführen, daß eben alle die richtigen gesellschaftlichen Beziehungen hätten. Glatt, geschliffen, hart unter der Oberfläche ihres guten Benehmens, wurzeln die gegenwärtigen Führer des Pentagon tief in einer Tradition des Dienstes am Staate, die beinahe so alt ist wie die Wehrmacht, die sie befehligen. Sie sind ein Teil jenes unsichtbaren Gewebes aus Regierung, Klatsch und privaten Beziehungen, welches das Pentagon mit dem Weißen Haus und dem State Department verknüpft.