J. J., Straßburg, im April

In diesen Tagen fließt die erste Woge arabischen Rohöls vom Mittelmeer zum Rhein. Nicht über Berg und Tal, sondern zumeist darunter durch die soeben fertiggestellte, fast 800 km lange Rohrleitung, die vom französischen Erdölimporthafen Lavera (bei Marseille) durchs Rhone-Tal nach Straßburg und weiter nach Karlsruhe führt.

Diese Pipeline – die Franzosen nennen sie stolz „le grand boulevard du petrol“ – ist ein Gemeinschaftsunternehmen von sechzehn großen Ölgesellschaften aus sechs westlichen Ländern (Frankreich, Belgien, Holland, Bundesrepublik, England und USA), die sich in der „Südeuropäischen Pipeline-Gesellschaft“ zusammengetan haben. Man nennt dieses Konsortium nach den Anfangsbuchstaben des französischen Namens auch kürzer: „Piseur“.

Das Piseur-Projekt soll nach den Angaben der Gründer schon seit dem Ende des letzten Weltkrieges zur Debatte gestanden haben, aber es kam nicht richtig vom Fleck. Erst nachdem der unternehmungslustige, inzwischen allerdings tödlich verunglückte italienische Ölkönig Enrico Mattei mit dem kühnen Projekt einer alpenüberquerenden Pipeline von Genua nach Süddeutschland auf den Plan getreten war (auch diese ist im Bau, aber noch lange nicht fertig), fühlten sich die westlichen Konzerne gemüßigt, den südwesteuropäischen Raum gleichfalls „von unten“ zu beliefern, statt das Rohöl über weite Entfernungen von den Nordseehäfen heranzuschaffen und damit die Kosten zu vergrößern.

So wurde am 30. Juli 1958 unter Führung der Esso-Gruppe die „Südeuropäische Pipeline-Gesellschaft“ gegründet, die sich sofort resolut ans Werk machte. Wenn auch die von den Piseur-Leuten ausgewählte Trassenführung das eigentliche Alpenmassiv umgeht und sich, nach Verlassen des Rhone-Tales, zwischen den Vogesen und dem Jura durchschlängelt, so waren doch große Terrainschwierigkeiten zu überwinden. Anderthalb Millionen Kubikmeter Abraum mußten weggeschafft werden, bevor die schweren Stahlrohre mit einem Durchmesser von 86 Zentimetern in der erforderlichen Tiefe von fast zwei Metern verlegt werden konnten.

Mit dem Bau konnte im ersten Quartal 1961 begonnen werden. Fünfzehn Monate später war die Rohrverlegung beendet, und am 3. Dezember vorigen Jahres konnten die ersten Tonnen Rohöl versuchsweise bis Karlsruhe durchgepumpt werden. Mit den ersten drei Pumpstationen wird das ganze System jetzt mit einer Anfangskapazität von zehn Millionen Tonnen Jahresförderung in Betrieb genommen. Schon im Juli, wenn die vierte Pumpstation eingesetzt werden kann, soll der Durchstoß auf dreizehn Millionen Jahrestonnen erhöht werden, und im nächsten Jahr, wenn alle sieben geplanten Pumpstationen in Betrieb sind, wird die Kapazität etwa 25 Mill. Jahrestonnen betragen.