Von Peter Hamm

Selbst wer nie ein Exemplar von Sinn und Form zu Gesicht bekam, kennt heute den Titel dieser ostdeutschen Zeitschrift. Seit nämlich der Lyriker Peter Huchel, der Sinn und Form vierzehn Jahre lang redigierte, im vorigen Jahr von der SED und ihren Kulturfunktionären aufs heftigste attackiert wurde und gezwungen werden sollte, entweder seine Konzeption dieser Zeitschrift grundlegend zu ändern oder von seinem Posten abzutreten (was Huchel denn auch "freiwillig" tat), hat man auch hierzulande öffentlich Notiz genommen von einem Organ, das seit 1949 ununterbrochen und mit energischer Unerschrockenheit für die Verständigung – zumindest auf kulturellem Gebiet – zwischen den beiden deutschen Staaten gearbeitet hat.

Bodo Uhse nun wurde dazu ausersehen, Sinn und Form gleichzuschalten. Marcel Reich-Ranicki hat (in der ZEIT vom 4. Januar 1963) über Bodo Uhse berichtet und gesagt: "Vermutlich wird Uhse, der ein Schriftsteller und nicht ein Funktionär ist und einen Blick für literarische Qualität hat, bestrebt sein, eine Zeitschrift zu machen, die die Wünsche seiner Auftraggeber erfüllt und dennoch lesbar bleibt."

Wenn man das erste von Uhse redigierte Heft ansieht, das in diesen Tagen – mit zwei Monaten Verspätung – ausgeliefert wurde, bestätigt sich die Vermutung Reich-Ranickis ungefähr. Die angedrohte "Erörterung kulturpolitischer Probleme der DDR" fehlt in diesem Heft noch völlig, vom "Bitterfelder Weg" der "schreibenden Arbeiter" ist noch nichts zu sehen. Doch aus Westdeutschland ist kein einziger Autor vertreten. Aus dem übrigen Westen werden wir mit zwei wenig aufregenden isländischen Erzählern bekannt gemacht, dazu einem kurzen Porträt des Komponisten Hanns Eisler aus der Feder von Roger Planchon (das allerdings schon einmal im Théâtre Populaire publiziert war).

Von den arrivierten DDR-Autoren präsentiert Uhse neben Brecht noch Anna Seghers, Alexander Abusch und Franz Fühmann, auffallenderweise alle – außer Brecht – nur mit essayistischen Beiträgen, die zudem noch sozusagen "historische" Themen behandeln.

Fühmanns "Barlach in Güstrow" ist zwar als Erzählung verkleidet, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß es sich im Grunde um eine bloße Aufzählung von Daten und Fakten aus Barlachs Leben handelt. Hoffentlich weiß Fühmann, der früher in seinen recht begabten Gedichten versuchte, den Benn-Ton "sozialistisch" aufzuladen, daß es Huchel war, der Barlach in der DDR überhaupt erst salonfähig machte, denn auch Barlach galt dort einmal als "volksfremd" und "mystisch". Brecht war es, der in einem extra von Huchel bestellten Artikel Barlachs Bedeutung auch für die DDR "festlegte".

Bodo Uhse eröffnet sein erstes Heft mit unveröffentlichten Gedichten aus dem Brecht-Archiv, die zwischen 1933 und 1945 entstanden und von Brecht wahrscheinlich absichtlich nie publiziert wurden.