Es ist genau ein halbes Jahr her, aber mir ist, als ob es gestern war. Da wachte ich eines Morgens auf – und stand vor einem Abgrund. Oder um den Bundeskanzler mit seinen Worten vom 7. November 1962 vor dem Bundestag zu zitieren: „Wir haben einen Abgrund von Landesverrat im Lande, wenn von einem Blatt, das mit einer Auflage von 500 000 Exemplaren erscheint, systematisch, um Geld zu verdienen, Landesverrat getrieben wird.“ Und er sagte damals auch, ohne natürlich in ein schwebendes Verfahren eingreifen zu wollen, weil ihm das ganz fremd wäre: „Daß hier Landesverrat ausgeübt wird, das ist sehr wahrscheinlich.“

Zwei Tage vorher hatte mir aber schon Bundespressechef von Hase eine Gänsehaut über den Rücken gejagt, als er erklärte, es handele sich um den Verdacht des Landesverrats, ein Verbrechen, auf das hohe Strafen stünden. Von allen Vorgängen dieser Art, sagte von Hase damals – natürlich ohne in ein schwebendes Verfahren einzugreifen –, sei die „Spiegel“-Affäre der schwerste Verdachtsfall, den es bisher in der Bundesrepublik gegeben habe.

Ein Bundespressechef sagt das nicht so dahin, oh nein! Und ein Bundesanwalt Westram weiß, was er sagt, wenn man von ihm hört, es könne keine Rede davon sein, daß eine Stelle außerhalb der Justiz die Regie geführt habe. Ich habe auch noch das ernste, bedeutungsschwere Antlitz des Bundesanwalts Lösdau vor Augen, wie er da am 29. Oktober im Fernsehen erklärte, der Verdacht des Landesverrats habe sich erheblich verstärkt. Auch bestehe nach wie vor der Verdacht der Bestechung.

Was aber jene, vom Bundeskanzler so gerügten, windigen Gesellen anbelangt, jene Offiziere, die den „Spiegel“ informiert haben sollen, so erfuhr man beruhigt, daß die Ermittlungen gegen diese amtlichen Geheimnisträger mit allem Nachdruck weitergeführt werden. Zur Zeit – das war im November 1962 – könne man noch keine Einzelheiten mitteilen ... Was mich damals (von den sogenannten „Randerscheinungen“ einmal abgesehen) aber besonders betroffen machte, das war die Erklärung der Bundesanwaltschaft vom 29. Oktober. In der hieß es nämlich: „Mehrere Veröffentlichungen des Nachrichtenmagazins haben sich mit wichtigen Fragen der Landesverteidigung in einer Art und Weise befaßt, die den Bestand der Bundesrepublik sowie die Sicherheit und Freiheit des deutschen Volkes gefährdet.“

Wem ginge so was nicht durch Mark und Bein? Wer bekäme es da nicht mit der Angst und sähe nicht schon im Geiste sowjetische Panzerspitzen – den „Fallex-62“-Artikel neben der Geländekarte liegend – zum Rhein vorstoßen? Wer wünschte da nicht, daß den Landesverrätern wenigstens vorher noch das schmutzige Handwerk gelegt wird?

Und was geschieht, was ist seitdem geschehen? Nichts, gar nichts! Eben noch war der Bestand unserer Bundesrepublik und die Freiheit des deutschen Volkes gefährdet – und schon laufen die mutmaßlichen Haupttäter wieder frei herum und verüben, wer weiß, vielleicht schon wieder neuen Landesverrat. War denn alles umsonst, meine Aufregung, meine Angst? Hat man mir nur einen gehörigen Schreck einjagen wollen und sonst gar nichts?

Dazu möchte ich folgendes feststellen: Man hat mir im November den schwersten Verdachtsfall von Landesverrat vor die Nase gehalten – und darüber möchte ich, jetzt im Mai, endlich näheres erfahren. Ich bestehe auf meinem Landesverrat! Glaubt die Bundesregierung, ich hätte das alles einfach so vergessen? Die können sich doch damals – ich denke da besonders an die geharnischten Erklärungen des Bundestagsabgeordneten Wächter – nicht alle geirrt haben? Da muß doch etwas dran gewesen sein!