Wir leben inmitten von Zentenarfeiern. Je würdevoller unsere Theaterspielpläne, unsere Konzertprogramme werden, desto machtvoller blühen die Jubiläen auf. Sie reichen einander die Hände: das Goethejahr dem Mozartjahr, das Schillerjahr dem Straussjahr. Und in diesem Händereichen werden sie immer gewaltiger. Was man vordem mit einer schlichten Morgenfeier im jeweiligen Staats- (Stadt-, Landes-)Theater bedachte, weitet sich aus zu zyklischen Aufführungen des gesamten Lebenswerkes, zu Ministerreden und Schulkinderreisen, zu Kongressen, Preisen und Gedenkmünzen.

Denn im Zeitalter der subventionierten Kultur bekommen Monsterveranstaltungen wie diese ihre besondere Optik. Lebendiges Theater bringt nun einmal Risiken mit sich: einerseits das Risiko, daß neue Werke vielleicht nicht immer von der Art sind, daß sie durch die vorgeschriebene Anzahl von Abonnementsvorstellungen durchgeschleust werden können; andererseits aber das viel mehr gefürchtete Risiko, daß sie vielleicht dem Publikum zusagen, aber dem obrigkeitlichen Subventionsspender als nicht hinreichend würdig erscheinen könnten, damit sich die finanzielle Unterstützung des jeweiligen Musentempels vor einem Gremium von Volksvertretern als Kulturtat rechtfertigen ließe. Zwischen der Scylla eines neinsagenden und der Charybdis eines jasagenden Publikums bietet sich die ausgiebige Ehrung der vor 100 Jahren Geborenen oder Gestorbenen als ein wahres Ei des Kolumbus an. Manche der also Geehrten erscheinen ja derart ergiebig, fündig und abbaufähig, daß man mitunter mit ihrer spielplanmäßigen Exploitierung schon vor dem 1. Januar beginnt oder erst nach dem 31. Dezember schließt.

Die Freude der Theaterleiter an runden Jahreszahlen dürfte von den also Geehrten – sofern sie ein Wort mitreden dürfen – nicht mit gleicher Begeisterung aufgenommen werden. Kürzlich erst haben wir erlebt, daß Gerhart Hauptmann nach Absolvierung seines 100. Geburtstages einen sichtlich gealterten Eindruck machte. Landaus, landein hat man sein Lebenswerk nach schwachen Stellen abgetastet und diese dann prompt unter der Kennmarke „Nicht das Übliche“ einem kopfschüttelnden publico präsentiert. Solcher Verschleiß ist nun einmal nicht ungefährlich. Selbst ein so strapazierfähiges Genie wie Mozart zeigte nach den ausgiebigen musikalischen Gelagen anläßlich seines 200. Geburtstages leise Spuren von Erschöpfung.

In einem einzigen Fall hat in jüngster Vergangenheit ein Jubiläum zu einem Rechtfertigungsprozeß geführt: bei Arthur Schnitzler. Der vormals Gefeierte hat in den letzten Jahrzehnten eine Phase des Vergessens durchlaufen. Daß man ihn anläßlich seines 100. Geburtstages wieder auf die Spielpläne setzte und sein Werk in einer neuen Gesamtausgabe auflegte, hat vielleicht zu einer Wiederbelebung geführt und der Erkenntnis Raum gegeben, daß hier ein großer Gesellschaftsschilderer, eine Art Tschechow deutscher Sprache, der Bühne wiedergewonnen werden könnte. Zu dieser Renaissance, deren Zentrum notwendigerweise in Wien lag, war allerdings die knappe Aufeinanderfolge zweier Jubiläen erforderlich. Vor dem großen Schnitzlerjahr mit dem 100. Geburtstag lag das kleine Schnitzlerjahr mit dem 30. Todestag. Man merke: im Zeitalter der Jubiläen muß ein Dichter genau 69 Jahre alt geworden sein, damit es hinterher mit der Wiederauferstehung klappt. Gewiß hätte eine phantasievollere Spielplangestaltung auch ohne diesen Mythos der runden Zahlen zu der Erkenntnis gelangen müssen, daß hier ein nahezu Vergessener unserem Repertoire wiederzugewinnen wäre.

Was im Falle Schnitzler gerade noch gut ausging, führt bei anderen Jubiläen zu bedenklichen Abnützungserscheinungen. Das System der Jahre, Tage und Wochen mag eine bequeme Masche bei der Spielplanerstellung bieten – vor allem, weil kein Minister, Stadtrat oder Landeskulturbeauftragter gegen eine noch so pompöse Künstlerehrung dieser Art etwas einzuwenden haben wird – es kann sehr leicht ins Auge gehen, wenn äußerer Anlaß und innere Notwendigkeit nicht übereinstimmen. Auch liegt es ja im Wesen solcher kultureller Monsterveranstaltungen, daß man sich keineswegs auf die Präsentation des lebendigen Erbes beschränken will, sondern den Ehrgeiz entwickelt, Nebenwerke zu erschließen, Vergessenes als zu Unrecht vergessen hinzustellen. Wo nun solche Jubiläen mit einigem Pomp ins Werk gesetzt werden, zeigt sich nicht selten, daß das Urteil der Geschichte nicht so ganz unrichtig war. Hundertjährige mit mächtigem Gebraus über die Piste zu jagen, erweist sich dabei als ein recht rüdes Verfahren, Pietät zu bekunden.

Doch scheinen den Kulturgewaltigen Erwägungen dieser Art ferne zu liegen. Das mächtige Schwungrad des Betriebes rollt, und so kann auf eine monströse Veranstaltung nur eine noch monströsere folgen. Vielleicht kommen wir bald dahin, daß das Durchwühlen des Kalenders nach ausbaufähigen Gedenktagen die Menschenkräfte übersteigt und Elektronengehirne die Suche nach runden Zahlen Weit erfolgreicher bewältigen werden. Indessen schlittern wir aus dem Schnitzler-Nestroy-Jahr ins Richard-Strauss–Verdi-Jahr. Der 100. Todestag Hebbels steht ins Haus. Und was uns 1964 der 400. Geburtstag Shakespeares bringen wird, davon haben wir vorerst nur eine blasse Ahnung. Um einem Genie von seiner Mächtigkeit eines am Zeug zu dicken – dazu wird man schon ungeheure Mengen von Shakespeare-Aufführungen aller Qualitätsgrade ins Werk setzen müssen. Aber: man wird sie ins Werk setzen, daran kann schon jetzt kein Zweifel bestehen. Das Burgtheater etwa kündigt eine im Verlauf von fünf Jahren vorbereitete zyklische Aufführung sämtlicher Königsdramen an, dazu eine Auffrischung aller in den letzten Jahren neuinszenierten Komödien, vermehrt um einen neuen „Macbeth“. Da werden sich wohl die anderen nicht lumpen lassen. Und wenn landaus, landein hochdotierte Staatstheater die Hauptwerke spielen, dann werden schlecht dotierte kleine Bühnen die Nebenwerke bieten: mit schlechteren Schauspielern, schwächeren Regisseuren und unzulänglicherem Bühnenapparat. Bei so gewaltigen Anstrengungen wird es letzten Endes vielleicht doch noch gelingen, dem Publikum sogar einen Shakespeare zu verleiden.

Als vor einigen Jahren das Goethe-Jahr machtvoll über die Bühnen brauste (mit heutigen Maßstäben gemessen, war es eine fast bescheidene Zentenarfeier), beschloß die Stadt Wien, sich von dem Rummel fernzuhalten und für ihr gutes Geld lieber einem jungen Dichter – es war Fritz Habeck – die Möglichkeit zu bieten, auf seine Art die italienische Reise zu wiederholen. Damals waren Italienreisen noch nicht die Domäne des Sozialtourismus, und die mäzenatische Geste hob sich sympathisch von den landläufigen lärmenden Feiern ab.

So viel Schonung des Publikums und Bedachtnahme auf das Lebendige dürfen wir bei den orgastischen Jubiläen von heute nicht mehr erwarten. Auch dürfen wir nicht hoffen, daß das eine oder andere große Theater einmal eine umfangreiche Kalenderverbrennung durchführt und etwa Strindberg, Hebbel oder Gerhart Hauptmann dann – und nur dann – spielt, wenn keine runde Jahreszahl dazu zwingt. In der subventionierten Kultur gibt es für dieses Gegen-den-Strom-Schwimmen wenig Platz, und so wird wohl die Dichterinflation unserer Zentenarfeiern noch zu recht eindrucksvollen Manifestationen führen. Otto F. Beer