Wenn Walter Umminger seinem Buche Helden – Götter – Übermenschen (Econ Verlag, Düsseldorf-Wien) den Untertitel Eine Kulturgeschichte menschlicher Höchstleistungen gegeben hat, so hat er damit keineswegs übertrieben.

Der Verfasser führt uns in seinem höchst anregenden und amüsanten Buch durch die Jahrtausende zu ungezählten Schauplätzen in allen Erdteilen und stellt uns in buntem Reigen Gladiatoren und Champions, Jäger und Krieger, kühne Träumer und körperlich hart trainierte Männer und Frauen vor, die alle außergewöhnliche Leistungen vollbrachten. Die Reihe beginnt mit Milon von Kroton, dem größten aller Olympioniken, von dem wir hören, daß er nicht nur ein gewaltiger Sportsmann und Kraftmensch gewesen ist, sondern auch ein gescheiter Philosoph, ein Gefolgsmann des Pythagoras (der zudem sein Schwiegervater war) und zu guter Letzt auch noch ein Freßsack sondergleichen, der täglich als Mindestration 17 Pfund Fleisch, 17 Pfund Brot und 10 Liter Wein zu sich genommen haben soll, wenn er nicht gerade auf einen ganzen Ochsen Appetit hatte. Diese Folge endet mit dem russischen Kosmonauten Juri Alexejewitsch Gagarin, der im Jahre 1961 als erster Mensch einen 108-Minuten-Flug durch das Weltall ausführte und nicht nur zum „Verdienten Meister des Sports“, sondern auch von der internationalen Flugsportbehörde zum Weltrekordler gekürt wurde, womit er nach Ummingers Meinung als erster Weltrekordler diesem Namen auch im vollen Umfang gerecht wird.

Weit gefehlt, nähme man an, dieses Umminger-Buch sei „nur“ ein Sportbuch, das auch nur einen Sportler interessieren könnte. Im Gegenteil, gerade der Nichtsportier dürfte noch mehr Freude an ihm haben. Denn was hatten wohl Enrico Rastelli und sein oft bestauntes und stürmisch gefeiertes „Wunder der Bälle“ mit Sport zu tun, was die „Drei Codonas“ mit ihrem, einmal auch über einer der schwindelnd tiefen Straßenschluchten von New York ausgeführten, dreifachen Salto mortale, was Fridtjof Nansen mit seinem Schneeschuh-Trip quer durch die unbekannten, menschenleeren Eis- und Schneewüsten Grönlands oder August der Starke mit seinen Leidenschaften, wie etwa dem Abstechen von fast vierhundert Sauen im Saugarten von Dresden-Neustadt im Jahre 1737 oder dem Auseinanderbrechen dicker Silbertaler, dem Zusammenrollen von Zinntellern wie Pappdeckel – quasi ein Vorgänger des „Seeteufels“ Graf Luckner, der dicke Telephonbücher bevorzugte – oder dem Schleudern eines fünfzigpfündigen Steins über etliche Meter, von der kompaniestarken Kinderzahl des starken August schon gar nicht zu sprechen? Die letzten großen Nimrode Europas treten auf: Kaiser Franz Joseph I. von Österreich, der in seinem langen Jägerleben 50 399 Stück Wild erlegt hat, die sich aber noch bescheiden gegen die Strecke Wilhelm II. (78 330) und des Erzherzogs Franz Ferdinand von Österreich (276 000 Stück) ausnehmen.

Es gab aber nicht nur Tragödien in der freien Wildbahn. Ummingers Buch verzeichnet neben vielen erstaunlichen und stolzen Triumphen und Siegen auch echte menschliche Tragödien und bittere Niederlagen, er erzählt uns, wie so mancher Sieger auf olympischen Podesten leichtfertig die Grenzen zwischen Mut und Übermut überschritt und abstürzte. Und wenn es auch nur der „bürgerliche“ Tod war, den manche Athleten sterben mußten, weil sie nicht mehr Maß zu halten verstanden und dieses und jenes „krummes“ Ding drehten, weil ihr Ruhm ihnen in den Kopf gestiegen war und sie aus ihrer ursprünglichen Liebhaberei nun ein Geschäft zu machen versuchten. Daß dabei dem einen oder anderen von der (angeblich) sittlich entrüsteten bürgerlichen Gesellschaft auch bitteres Unrecht geschah, ist bekannt.

Und so hat der Autor denn aus einer umfassenden Sicht eine Geschichte des Sports geschrieben, die trotz des reichen Materials spannend wie ein Film mit häufigen Rückblenden abrollt und dabei doch die historischen und aktuellen Entwicklungslinien des Sports aufzeichnet. Diese Gesamtschau zeigt auch die Zusammenhänge der Höchstleistungen mit Politik, Gesellschaft, mit Kultur und Technik. Im Mittelpunkt aber steht stets der Mensch in seinem Verhältnis zu der von ihm geschaffenen Welt der Turniere und Wettkämpfe. Ein Buch, das zu lesen Gewinn bringt.

Doch man muß (gerechterweise) noch dies sagen. Die Grundlage für sein Buch und seine schönen spannenden Geschichten fand der Autor doch zweifelsohne in dem großartigen Werk „Weltgeschichte des Sportsund der Leibeserziehung“ (J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. GmbH, Stuttgart), das uns der Ende des vergangenen Jahres verstorbene Carl Diem 1960 schenkte. Es wäre wohl fair gewesen (und er hätte sich damit nichts vergeben, auch den Wert seiner Arbeit durchaus nicht vermindert), wenn Walter Umminger dies offen zugegeben und dem großen alten Manne des Sports – dem fleißigen Forscher vor allem – für seine wertvolle Arbeit, auf die er nun aufbauen und die er in geschickter und amüsanter Weise erweitern konnte, irgendwie gedankt hätte. Daß er das unterließ, ist ein „Schönheitsfehler“, der den objektiven Kritiker nachdenklich stimmt. –e–