Von Ruth Herrmann

Daß die Sendungen ungekürzt, unkommentiert und unwidersprochen gesendet würden, war die Bedingung, unter der die Polen von Radio Warschau den Deutschen ihre Arbeiten anvertrauten. Ernst Schnabel und Rolf Liebermann, die Herausgeber des Dritten Programms im NDR, nahmen diese Bedingungen an, und die Warschauer präsentierten in eigener Regie und Verantwortung sechs Abende lang, was sie für gut und wichtig halten.

Sie nahmen in Kauf, daß ihre Wortsendungen an Perfektion einbüßten, da sie sie für diesen Zweck in deutscher Sprache produzierten, dem mehr noch als fremden, dem verhaßt-vertrauten Idiom. Jedoch, was den Polen als Minderung ihrer Produktionen erschien, für die sie sich entschuldigten, war für die deutschen Hörer besonders reizvoll: Der Akzent der Schauspieler und Sprecher bewirkte, daß die Farbe der Originale spürbar blieb.

Was man uns mitteilte, brauchte auch inhaltlich keinen Dolmetscher. Es war so fern von Vergessen wie von künstlicher Erinnerung an den katastrophalen „Kontakt“ mit den Deutschen vor über zwanzig Jahren. Es war tröstlich, gerade jetzt diese Stimmen zu hören, da vielerorts Berichte und Dokumentarausstellungen zeigen, wie 1943 der Aufstand im Warschauer Ghetto im Mord erstickt worden ist.

Die Erben der Schuldigen wohnen nicht nur in der Bundesrepublik. Darum ist es gut, daß auch die Hörer in der Ostzone die Sendungen hören konnten: Das Dritte Programm ist bekanntlich mit dem drüben gut vernehmbaren Sender Freies Berlin verbunden. Die Polen selbst freuten sich darüber, da das Polnische Radio in der DDR direkt nicht zu hören ist. Nebenprodukt der Woche „Gäste aus Warschau“ war somit eine Art östlicher Nachbarschaftshilfe.

Musik- und Wortsendungen hatten ungefähr gleich viel Anteil am Programm. Musik braucht keinen Übersetzer – Grenzen kann sie trotzdem zuweilen nicht überschreiten. Zu hören war am Mittwoch die Oper in drei Akten „König Roger“ von Karol Szymanowski, ein Werk, das die Polen selbst nicht senden können, weil die Recht? in Wien gekauft werden müssen und ihr Rundfunk dafür keine Devisen bekommt. Szymanowski, der 1937 in Warschau starb, schrieb die dick instrumentierte, typisch slawische Oper, der anzumerken ist, daß sie der Richard-Strauß-Zeit zugehört, im Jahre 1926. Sie gilt als ein Höhepunkt der zeitgenössischen polnischen Musikliteratur.

Höhepunkt der Musiksendungen waren aber wohl die alten Werke: Choral werke der polnischen Renaissance. Trotz enger Verbindung mit der damaligen europäischen Kultur hatte die Renaissancemusik in Polen ihr eigenes Gepräge. Proben der drei verschiedenen Strömungen wurden gesendet: liturgische Musik mit lateinischen Texten, die niederländische und italienische Einflüsse zeigt; religiöse Musik mit polnischen Texten, die aus den Geistesströmungen der Reformation erwuchs; und weltliche Musik, Lieder und Tänze, die in Orgel- und Lautentabulaturen überliefert ist; Am berühmtesten: die Orgeltabulatur des Jan von Lublin, entstanden 1537–47, und die Tabulatur aus dem Kloster des Heiligen Geistes in Krakau aus dem Jahre 1548.