N. G., Köln

So turbulent fing noch kein Semester an der Kölner Universität an. Die Neulinge stehen verstört in den Gängen. Vor den schwarzen Brettern hängen in Trauben die erfahreneren Semester. Hilflos äugen die Professoren in das Gedränge. Hausmeister Parkoz rauft sich die Haare und sucht vergebens Ordnung in das akademische Chaos zu bringen: 17 000 Studenten und ihre Lehrer haben kein Vorlesungsverzeichnis für das Sommersemester. „Das hat es noch nie gegeben“, stöhnt Regierungs-Amtmann Neumann im Rektorat. „Wir sind höchst unglücklich über das Malheur.“

Auf Drängen des Landesrechnungshofes hatte die Universität diesmal den Druck des Verzeichnisses nicht an ihre alte Druckerei gegeben, sondern den Auftrag ausschreiben lassen. Das günstigste Angebot machte die Kölner Druckerei Bachem. Sie erhielt den Auftrag, aber glücklich wurde sie damit nicht. Am 20. Februar sollte die Universität die endgültigen Umbruchkorrekturen einreichen. Tatsächlich kamen sie jedoch erst am 19. April in der Druckerei an.

„Die Professoren waren nicht zur Kooperation bereit“, so erklären Vertreter der Studentenschaft die Vorgänge, die sich in der Zwischenzeit abspielten. Die Hochschullehrer hatten sich über ihre Wünsche nach Hörsälen und Vorlesungszeiten nicht einigen können oder zu spät in die Diskussion eingegriffen, weil sie im Ausland waren. Zahlreiche Berichtigungen und Sonderwünsche machten eine zweite Spaltenkorrektur notwendig. Als ursprünglicher Auslieferungstermin des Verzeichnisses war der 15. März vorgesehen. Nun steht auf der Druckauftragskarte bei Bachem als Zeitpunkt „Mitte bis Ende Mai“. Das Semester begann bereits am vergangenen Donnerstag.

Als „Informationsmöglichkeit“ hing das Rektorat einen korrigierten Fahnenabzug des Vorlesungsverzeichnisses ans schwarze Brett und verlängerte die Belegfrist vom 17. auf den 25. Mai. Vor den Druckfahnen drängen sich die Angehörigen aller Fakultäten, mit Ausnahme der Wiso-Studenten. Im Zimmer ihres Fakultätssprechers Karl-Heinz Gerke arbeiten vier Mann fieberhaft an einem Hektographierapparat. Der clevere Student hatte seiner Magnifizenz, dem Rektor der Universität zu Köln, die Photokopie eines Fahnenabzuges entrissen und die Erlaubnis erhalten, 2000 Abzüge von den Vorlesungen und Übungen der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät herzustellen.

Mit melancholischer Gelassenheit sehen die Germanisten, die zweitgrößte Fakultät, dem geschäftigen Treiben der Wirtschaftler zu. Sie haben immerhin Genugtuung, daß der Vorlesungsbetrieb – trotz Selbsthilfe der anderen Fakultät – noch völlig durcheinander ist. Der Zeitplan für die Hörsäle stimmt auch nach der endgültigen Fahnenkorrektur nicht. Zwei Drittel der Professoren wollen zur gleichen Zeit in den gleichen Räumen lesen. Darunter leidet am meisten der Hausmeister Parkoz. Bei ihm finden sich die Kontrahenten ein: Zuerst die wissenschaftlichen Hilfskräfte, dann die ersten Assistenten. Wenn sie den Hausmeister nicht erweichen können, versuchen es die Privatdozenten. Zuletzt kommen die Professoren selber, um im Kolloquium mit dem Hausmeister die strittigen Hörsäle zu verteilen. Doch der beste Wille vermag wenig, wenn die Zahl der Hörsäle zu gering ist.

Das mag eine Entschuldigung für den verzögerten Druck des Vorlesungsverzeichnisses sein. Dennoch ermahnte der Rektor seinen Senat, die Professoren möchten in Zukunft doch etwas mehr Einsicht walten lassen und sich vielleicht jetzt schon Gedanken über das Verzeichnis im Wintersemester machen...