Von G. Stabenow

Beim Internationalen Degenturnier in Brüssel siegte überraschend der Deutsche Franz Rompza aus Heidenheim. Dieser Erfolg lenkt das Interesse schon auf die Weltmeisterschaften der Fechter, die im Juli in Danzig entschieden werden. Der Deutsche Fechterbund nimmt die Gelegenheit der kurzen Anreise in die alte Hansestadt wahr. Deshalb wird er die Einzel- und Mannschaftskämpfe auf Florett für Damen sowie auf Florett, Degen und Säbel für Herren voll beschicken. Selbstverständlich taucht in diesem Zusammenhang die Frage auf, ob die deutschen Fechter in Danzig Sieges- oder Platzaussichten haben werden. Bei vorsichtiger Beurteilung der internationalen Kampfstärke muß man zu dem Schluß kommen, daß sich der Deutsche Fechterbund glücklich schätzen wird, wenn es ihm gelingen sollte, in den einzelnen Endrunden vertreten zu sein. Gewiß, Heidi Schmidt, die charmante Musikstudentin aus Augsburg, war Olympiasiegerin und Weltmeisterin dazu. In den letzten drei Jahren haben aber die Fechterinnen aus Ungarn, Polen und Rußland solche Fortschritte gemacht, daß die Aussichten Heidis auf Wiederholung ihrer großen Erfolge nur gering sind. Im Florett-Mannschaftsfechten haben Gerresheim, Brecht, Mehl und Theuerkauff bei den Spielen 1960 in Rom den dritten Platz belegt. Das war für die Fachwelt ein überraschender Erfolg. Der Deutsche Fechterbund schickt seine besten Kräfte zu internationalen Turnieren und führt dazu noch Lehrgänge durch. Deshalb kann damit gerechnet werden, daß die deutschen Florettfechter in Danzig ihren römischen Erfolg wiederholen. Im Säbelfechten und im Degenfechten wird weder im Einzel- noch im Mannschaftsfechten die Vormachtstellung der Ungarn, Polen, Russen und Schweden auch durch Rompza wohl kaum zu brechen sein.

Welche Faktoren sind nun für den Aufstieg der Fechter des Ostblocks zur Weltklasse entscheidend gewesen? Diese Frage läßt sich mit einem Satz beantworten. In Polen und Ungarn und dann auch in Rußland wurde das Fechten schon zu einem Zeitpunkt als athletischer Sport betrachtet, als man in Italien, Frankreich und insbesondere in Deutschland noch von der Fechtkunst sprach. Die hervorragenden Vertreter dieser Fechtkunst waren einst die italienischen Brüder Mangiarotti aus Mailand, der Römer Marzi, der Franzose Cattiau und der Frankfurter Erwin Casmir. Casmir war der erfolgreichste deutsche Fechter aller Zeiten. Bei den Olympischen Spielen 1928 in Amsterdam belegte er im Florettfechten den dritten Platz. Im Forettfechten der Damen siegte Helene Mayer aus Offenbach, die ebenfalls wiederholt Weltmeisterin wurde und auch noch an den Spielen 1936 in Berlin erfolgreich teilnahm. Die Fechtkunst, das elegante Schachspiel mit gertenschlanker Klinge, hat die Vormachtstellung der Italiener und Franzosen begründet. Sie erlernten diese Kunst auf den zahlreichen Fechtsälen, die es überall in den Städten gibt. In Deutschland kannte man solche Säle nur in Berlin, Offenbach und Frankfurt. Die Säle waren vom frühen Morgen bis zum späten Abend geöffnet. Mit internationaler Fechtlizenz in der Hand hatte jedermann zu jeder Zeit Zutritt und durfte beim Chef des Saales, dem Fechtmeister, Unterricht nehmen. Und das alles schon zu einer Zeit, als sich die übrigen deutschen Fechter mit kahlen Turnhallen und zwei Fechtabenden in der Woche begnügen mußten.

Die italienischen Fechtlehrer trugen den Ruhm ihrer „italienischen Schule“ in alle Welt. Sie waren auch bereit, in fremde Länder zu gehen und dort zu lehren. Nur Nedo Nadi, mehrfacher Olympiasieger und später vielfacher Weltmeister der Berufsfechter, blieb in Italien. Lange vor ihm kamen Schiavoni nach Berlin, Gazzera nach Offenbach, Tagliabo nach Frankfurt, Angelini nach Hamburg, Accomando nach Essen und Striteski nach München. Der gesamte deutsche Fechtsport verdankt seinen Aufstieg dem Wirken dieser Lehrer. Schiavoni, mehrfacher Weltmeister der Berufsfechter vor dem Ersten Weltkrieg, war der größte unter ihnen. Nicht deshalb, weil er ein Riese an Statur war und 260 Pfund wog, sondern vielmehr noch darum, weil er die Taktik des Fechtens beherrschte und am grünen Tisch regelrecht Vorlesungen über Fecht-Strategie hielt. Sein Schüler Otto Gerresheim wirkt heute im Geiste seines Lehrers in Hamburg und Tim Gerresheim wiederum ficht in der eleganten Haltung seines Vaters. Die Kunst des alten Gazzera beherrscht noch heute sein Sohn, der in Bonn als Fechtlehrer tätig ist. Die große Stärke des „Alten“ in Offenbach lag darin, seinen Schülern zwei oder allenfalls drei Spezialitäten beizubringen, die sie in jeder Situation beherrschten. Helene Mayer bewies mit ihren Erfolgen die Richtigkeit dieser Methode.

Das große Beispiel der ausländischen Fechtlehrer machte in Deutschland Schule. In Dresden nahm Othmar Melichar den Kampf mit der ausländischen Konkurrenz auf. Sein Schüler Strassberger ist heute als Universitäts-Fechtlehrer in Göttingen tätig. In Leipzig arbeiteten Sieberg sen. und jun., und ein paar Straßen weiter wirkte Stefan von Kerec. Die starken mitteldeutschen Fechter Brigitte Schöne, Helene Oslob, Käthe Kassel, Irmgard Strauss, Fritz Schubert, Alwin von Northeim, Dr. Trillhase, Dr. Stabenow und Dr. Gentzsch kommen aus diesen mitteldeutschen Fechtschulen.

Die große Umstellung im deutschen Fechtsport kam vor den Olympischen Spielen 1936. Damals verpflichtete der Fechterbund den Ungarn Hollos und den Franzosen Duvernay als Lehrer für Säbel und Degen. Sie waren in Deutschland die ersten Trainer im modernen Sinne. Aber auf dem Wege von der Fechtkunst zur Athletik waren die Polen mit ihren besten Amateuren Sobik, Zaczyk, Adamascek, Fischer, Kantor und Dr. Papee schon einen Schritt weiter. Sie begannen dann unmittelbar nach dem Kriege, ihren Fechtsport mit jungen Nachwuchskräften modern aufzubauen. In der Bundesrepublik dagegen beherrschten bis 1955 die alten Vorkriegsfechter alle Meisterschaften.. Diese Fechter mußten mit der Kunst ihrer Klingenführung auf nationaler Ebene dem athletischen Kampffechter ebenso weichen, wie auf internationaler Grundlage die Ungarn, Polen und Russen ihre großen Vorbilder aus Italien und Frankreich langsam aber sicher, übertrafen.

Die Entwicklung im Fechten steht nicht still. Der Westen und damit auch die Bundesrepublik wird bei Weltmeisterschaften erst dann wieder eine entscheidende Rolle spielen, wenn es ihm gelingt, Fechtkunst, in alter Vollendung mit athletischem Können in moderner Vollkommenheit glücklich zu paaren.