Von Werner Weber

Die Voraussetzungen für die Art und Weise, in welcher Siegfried Lenz seine Geschichte erzählt, werden immerhin am Schluß der Geschichte deutlich. – Man kann den Hauptschlüssel zu einem Dichtwerk aus verschiedenen Gründen an einen hinteren Nagel hängen, beispielsweise: um einen verhältnismäßig schlichten Sachverhalt unverhältnismäßig geheimnisvoll oder auch nur undeutlich zu machen. Die Frage bleibt, ob es richtig und darüber hinaus sogar nötig sei; vergnügenbringend ist es selten.

Was wird in dem neuen Roman von

Siegfried Lenz: „Stadtgespräch“; Hoffmann u. Campe Verlag, Hamburg; 320 S., 16,80 DM

erzählt? Fürs erste eine Widerstandsgeschichte. Ein nordisches Land ist von einer feindlichen Macht überfallen worden. Auch die kleine Stadt am Fjord (der Schauplatz der Geschichte) hat eine Besatzung bekommen. Nun leben die Einheimischen, so gut es geht, unter den Augen des fremden Kommandanten und seiner Soldaten. Haß und Angst überall. Im Lande haben sich Widerstandsgruppen gebildet; auch in der Stadt am Fjord. Der Führer hier heißt Daniel. Man hat erfahren, daß ein General der Besatzungsmacht in die Stadt kommen wird. Daniel richtet sich mit einer kleinen Kampfgruppe über der Anfahrtsstraße ein. „Du mußt auf die Reifen halten. Es darf ihm nichts geschehen. Wir brauchen ihn“, sagt er zum Kameraden, der neben ihm liegt – es ist Tobias Lund, der junge Mann, welchen Siegfried Lenz im Roman „Stadtgespräch“ als Erzähler einsetzt. Das Unternehmen verläuft dann nicht so, wie es vorgesehen war. Die Umstände erlauben dem Feind einen Gegenstoß. Dabei wird Daniel verwundet. Aus der Stadt rücken alarmierte Patrouillen an. Tobias Lund bindet sie durch ein Täuschungsmanöver; so kann Daniel unbemerkt auf den Berg, ins Lager der Widerstandsgruppe, getragen werden. Auch Tobias entkommt. Der Kommandant der Besatzungstruppe läßt darauf 44 Geiseln nehmen, Bürger der Stadt aus verschiedenen Schichten. Seine Bedingung heißt: Daniel stellt sich, und die Geiseln sind frei; stellt sich aber der Eine nicht, dann werden die Vierundvierzig fallen. Unter den Geiseln ist auch der Vater des Tobias Lund, der Stadtarzt – „Wir sind im Sägewerk. Daniel soll sich stellen. Ich habe recht behalten“: so lautet die Meldung, welche er seinem Sohn im Hause hat zurücklassen können. Recht behalten? Seine Vermutung ist richtig gewesen; der Umstand, daß er den Kommandanten in friedlicher Zeit schon kannte; der Vorzug, daß er jetzt im Krieg oftmals beim Kommandanten zu Gast sein durfte – es half nichts; auf einer Liste ausgesuchter Geiseln konnte der Stadtarzt nicht fehlen.

Tobias Lund bringt die Nachricht ins Lager auf dem Berg: Daniel soll sich stellen. Und Daniel möchte es tun; aber er kann es nicht, die schwere Verwundung hindert ihn. Und die Kameraden hindern ihn. Einer unter ihnen, ein Mitkämpfer, welcher sich bei einer früheren Aktion als Verräter gezeigt hat, wird dazu bestimmt, genauer: verurteilt, den Kommandanten zu töten. Die Bürger unten in der Stadt versuchen indessen durch einen Bittgang die Geiseln freizubekommen. Ohne Erfolg. Und erfolglos ist dann auch der Anschlag auf den Kommandanten. Da trägt Tobias einen neuen Plan vor: „Daniel ist verwundet und kann nicht sehr viel tun; darum müssen wir für ihn einspringen. Wenn wir überhaupt noch etwas erreichen, etwas ändern wollen, dann müssen wir auf die Forderung des Kommandanten mit einer Gegenforderung antworten: auch wir müssen uns Geiseln holen...“ Dieser Gegenzug gelingt. Doch der Kommandant läßt sich nicht beirren; er schreibt die Leute ab, die man aus seiner Truppe gefangen hat und verschärft die Maßnahme: setzt für den Entscheid (der Eine oder die Vierundvierzig) eine knappe Frist. Daniel will sich stellen; aber weiterhin halten ihn seine Leute zurück. Die Geiseln werden erschossen. Und jetzt ist das Stadtgespräch in Gang. „Nun beginnt es, nun werden sie überall ihre Urteile fällen, die Ergebnisse ihrer Abstimmung vorbringen, ihr unerschöpfliches Gespräch wird nun bei der Frage enden: Ja oder nein?“ Tobias Lund, der Sohn des Stadtarztes, soll beim Kommandanten dafür eintreten, daß die vierundvierzig Toten von ihren Angehörigen begraben werden dürfen. Der Kommandant lehnt es ab. So geht der Kampf weiter bis zum Tag, da die fremde Macht zusammenbricht und danach auch die Besatzung in der kleinen Stadt kapituliert.

Der Führer der Widerstandsgruppe ist das Wichtige, Daniel. Sein Herkommen wird klargestellt; er ist der Sohn eines Böttchers, verlor den Vater früh, war der Lieblingsschüler des Rektors in der Stadt, bekam ein Stipendium für die Universität. Und so weiter. Daniel wird als wirklich gezeigt – und ist doch ein Schemen, mehr noch: ein Zeichen. Es heißt: „Daniel: das war jeder in der Stadt, der sich nicht abgefunden hatte, der sich auflehnte nach Möglichkeit oder doch seine Auflehnung träumte.“ Und einer unter den Männern, welche der Kommandant als Geiseln genommen hat, spricht es deutlich aus: „Der Name des Widerstandes, die Hoffnung der Auflehnung: Viele würden sie verlieren, wenn Daniel sich stellt.“ So ist Daniel leise auf mythisches Format hin stilisiert; Widerstand in Person mit allem Ruhm und aller Anfechtung. Von Anfang an ist die Geschichte in Rücksicht auf Daniel entworfen: Die erzählende Figur – Tobias Lund – rechnet mit der Gegen-Erzählung Daniels. „Was gehört noch zum Anfang, Daniel, damit du ihn nicht bestreitest?“ sagt er schon, nachdem er kaum erst angefangen hat. Zug um Zug wird der Bericht gefördert und bezweifelt, immer im Zeichen Daniels – „Schreib doch deine Geschichte, widerlege mich, Daniel, wenn wir nicht übereinstimmen ...“ Die erzählende Figur sammmelt die Geschehnisse (die Geschichte des Widerstandes, zugespitzt in die Entscheidung: der Eine oder die Vierundvierzig); es ist Vergegenwärtigung des Vergangenen und darin Rechtfertigung. Wem gegenüber? Daniel schreibe die Geschichte auf seine Art, die Parallelgeschichte, die Gegengeschichte, heißt es immer wieder; aber nichts aus dieser Gegengeschichte wird preisgegeben.