Bei aller Abgegriffenheit und sentimentalenÜberbeanspruchung bleibt „Frühling“ doch ein klingendes Wort voll beschwingender Bildkraft. Auch das Wörtchen „Berg“ trotzt mit der Wucht seiner Erschaubarkeit der banalen Romantisierung. In dem Wort „Bergfrühling“ gar vereinen sich zwei Vorstellungswelten, eine herbe und eine liebliche, zu einem Begriff, der immer wieder bezaubert.

Gegensätzliches, reizvoll aufeinander abgestimmt, etwas also, das der Musiker als Kontrapunkt, der Maler und Lichtbildner als Kontrastwirkung kennt, das ist es, was den Frühling oben im Gebirge so ganz anders und in vielem stärker erleben läßt als unten im Tal oder draußen in der Ebene. Und die Intensität des Erlebnisses wird hier einmal nicht durch Kürze ausgeglichen. Im Gegenteil, im Gebirge dauert der Frühling länger als anderswo. Monate hindurch läßt er sich immer wieder erwandern, in einer immer höheren Region. Wenn draußen im Vorland schon das Heu auf den Wiesen dörrt, können wir hoch oben, am Rande letzter Flecken von „Sommerschnee“, immer noch die blaßfarbenen Blüten des Krokus sehen und die lila Glöckchen der Soldanelle bewundern, die trotz ihrer Zartheit ungeduldig durch die Schneedecke gestoßen ist und nun in einem Schneetrichter blüht, als habe sie ihn mit ihrer Lebenswärme ausgeschmolzen.

Weiter unten, wo die schindelgedeckten Häuser des Bergdorfes in einer Mulde zusammengedrängt stehen und über den Wiesenhängen mit den kleinen Heustadeln der dunkle Fichtenwald ansteigt, wird es nicht später, aber anders Frühling als im Flachland. Eines Nachts kommt Wind von Süden, die Holzwände der Häuser ächzen unter seinem Anprall. Am Morgen ist es draußen still und hell. Die Sonne steigt auf in reines Blau, klar ragen die weißen Gipfel der Berge. Warmes Licht strömt herein durchs offene Fenster. Das Feuer im Ofen kann erlöschen. Dieses vom Himmel geschenkte Zwischenspiel lockt, daß man sich ihm hingebe, wenigstens während der Stunden des wärmsten Sonnenscheins.

Das Plätschern der Dachtraufen, das Glucksen der Schmelzwasser unterm Schnee, zaghaftes Vogelgezirp, aber zuweilen auch grollender Lawinendonner –, das ist die einleitende Frühlingsmusik am Berg. An südwärts geneigten Hängen breiten sich schneefreie Flecken aus, es „aspert“, sagt der Gebirgler: Das lange erwartete Grünen und Blühen beginnt. Köstliches Gefühl, statt über knirschenden Schnee endlich wieder über weichen Grasboden zu gehen.

Zuerst erscheinen auch hier die hellen Flämmchen des Krokus im noch feuchtfilzigen Gras. Dann folgen mit zarten, wie gepuderten Blütengesichtern die rosa Mehlprimeln. Zwischen ihnen entfaltet der kleine Frühlingsenzian zierlich blütenblättrig sein tiefes Blau. Das inzwischen reichlich erblühte Gelb der Primeln gibt den entsprechenden Farb-Gegenklang. Wenn sie verblüht sind und die gelbkugeligen Blütenköpfe der Trollblumen auf langen Stengeln sich wiegen, hat sich der Frühling am unteren Rande der Bergwälder schon entfaltet, und viele andere, nicht nur im Gebirge heimische Blumen haben sich hinzugesellt, unter ihnen auch der prunkende Frauenschuh. Nicht mehr weit ist es dann zu den weißgelben Margeriten und der bunten Frühsommerpracht der Wiesenblumen vor der ersten Mahd.

Der Frühling aber rückt unentwegt der weißen Front des Winters nach, der sich immer weiter zurückziehen muß bis über die Baumgrenze. Die Elite der Bergblumen ist da oben ganz unter sich, und einige besonders aparte ihrer Art sind hinzugekommen: die weiße Alpenanemone, aus dem Geschlecht der Glockenblumen die Soldanelle und die den Primeln nahestehende Bergaurikel alias Platenigl.

Wer mit der Szenerie des Hochgebirges noch wenig vertraut ist, könnte meinen, dort herrsche je nach Wetter und Jahreszeit entweder düster drohende Wucht oder strahlend erhabene Größe; das leichthin Heitere und unbeschwert Liebliche aber sei dort kaum zu finden. Gerade im Gebirge blüht das geruhsame Idyll und die gehobene Heiterkeit eines friedlich umgrenzten Lebens.