In Bonn waren die Skeptiker in der Überzahl gewesen. Sie meinten, Erhards Vermittlungsversuch im Lohnstreit werde fehlschlagen. Und man hörte sogar den Vorwurf, den später freilich niemand gemacht haben wollte, Erhard habe sich in dieser heiklen Sache zu sehr engagiert und damit aufs neue bewiesen, wie wenig Fingerspitzengefühl er für solche Dinge habe. Ein sozialdemokratischer Redakteur schrieb, Erhard sei befangen und deshalb nicht der geeignete Vermittler. Die SPD distanzierte sich am Tag darauf von dieser „persönlichen“ Meinung.

Im Palais Schaumburg scheint die Freude über den Erfolg Erhards nicht gerade überwältigend gewesen zu sein. In der Kabinettssitzung wurde kein Wort des Dankes gesprochen. Zwar war Erhard, noch müde von den zwölfstündigen, erst am Morgen beendeten Besprechungen, nicht zugegen. Aber einen Abwesenden zu loben, hätte sicherlich keinen Verstoß gegen die Geschäftsordnung bedeutet.

Um so herzlicher und spontaner war der Dank der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag! Ihr Kanzlerkandidat hatte die erste Bewährungsprobe bestanden. So sah sie es jedenfalls, und so sollte man es auch sehen. Ohne daraus übertriebene Schlüsse zu ziehen, gebietet es die Fairneß, die geschickte Taktik Erhards anzuerkennen. Es rentiert sich meistens, hartnäckige Gegner durch langes Sitzen mürbe zu machen. Mit der natürlichen Ermüdung kommt meist die Einsicht in die Natur der Dinge. R. S.