Von Heinz Michaels

Am Dienstagnachmittag letzter Woche besuchte ein schlanker, hochgewachsener Herr die Stände der Elektroindustrie auf der Hannover-Messe. Sein besonderes Interesse fanden jene kleinen, fast unscheinbaren Blechschränke, über die Krupp-Direktor Moll gesagt hatte: „Jetzt wird es möglich, auch Feld-Wald-und-Wiesen-Maschinen automatisch zu steuern.“ Alfried Krupp von Bohlen und Halbach besichtigte in Hannover jene Apparate, die in den nächsten Jahren vielleicht seine Werkstätten füllen werden.

In Deutschland steht eine neue Welle der Automation bevor. Dr. Moll beschrieb die Situation so: Die Konsumgüterindustrie hat bereits ihre automatisierten Produktionsstätten. Für die Investitionsgüterindustrie lohnte sich die Automatisierung bisher nicht, weil sie nur kleine Serien und vielfach sogar nur Einzelstücke herstellt. Mit der „numerischen Steuerung“ hat nun aber auch der Maschinenbau ein Instrument bekommen, seine Produktion sinnvoll zu automatisieren.

Allerdings, die „numerische Steuerung“ ist nicht so neu, wie mancher glauben machen möchte. Sie war nur bisher so teuer, daß ihr Einsatz sich lediglich bei wenigen Maschinen lohnte. Die erste Maschine dieser Art lief bereits 1952 in den USA. Sie war innerhalb von drei Jahren von dem Massachusetts-Institute of Technology, kurz MIT genannt, entwickelt worden. Pate stand die amerikanische Luftwaffe. Amerikabesucher erzählten schon seit Jahren Wunderdinge von diesen Apparaten. So habe beispielsweise die United Aircraft, eines der größten Luftfahrtunternehmen, eine mit „numerischer Steuerung“ arbeitende Spezialmaschine aufgestellt, die das Pensum von zwanzig Facharbeitern schafft, aber nur von einem Arbeiter überwacht zu werden braucht.

Genau verstehen es nur die Spezialisten, was eine „numerische Steuerung“ ist. Für den Laien sieht das so aus, daß in einem Blechschrank ein Lochstreifen durch ein Abtastgerät läuft, etwa wie im Filmprojektor der Film am Objektiv vorbeiläuft. Daneben steht eine Maschine – auf dem Messestand von Brown, Boverie & Cie. war es eine Fräsmaschine –, deren Werkzeug ein Eisen- oder Stahlstück bearbeitet, ohne daß ein Arbeiter die Maschine auch nur berührt.

Die AEG-Leute gaben sich verspielter. An die Stelle des Werkzeugs setzten sie einenTintenschreiber, der allerhand Figuren auf ein Blatt Papier malte, so wie ein Lochstreifen sie ihm jeweils diktierte.

Die technische Zeichnung des Werkstücks, so erklärte es ein Techniker, wird in eine Formelsprache aus Ziffern übertragen, und diese Ziffern werden in einen Lochstreifen gestanzt, wie er auch bei Fernschreibern verwendet wird. Elektrische Impulse, die dieser Lochstreifen auslöst, steuern dann die Maschine genauso, wie sie früher von einem Arbeiter mit Handrädern und Spindeln bewegt wurde.