Auf der Pressetribüne im Hamburger Volksparkstadion: Die Anschläge der Schreibmaschinen knattern wie fernes Maschinengewehrfeuer. Die Korrespondenten telephonieren mit ihren Redaktionen. Es ist Sonntag, nicht alle scheinen dort Fußballexperten zu sein. „Pepe“, ruft einer in den Apparat, „nein, nicht zweimal P wie Prokura, sondern P–e–p–e – Pepe.“ Derweil knallt dieser gerade wieder einen 30-m-Strafstoß an der „Mauer“ vorbei, auf Fahrians Kasten. Auf der Tribüne vor uns rollt inzwischen ein Hörspiel ab, das dem „gemäßigten Mitteleuropäer“ die Sprache verschlägt. Die drei Radiosprecher aus Brasilien scheinen eine Wette abgeschlossen zu haben, wer am schnellsten ununterbrochen zu sprechen vermag. Ohne Punkt und Komma, atem- und pausenlos schießt dieser Wortstrom dahin. Nur manchmal verhält sein Lauf etwas – aber wenn der Ball in Tornähe gerät, ergießt sich wieder eine wilde Sturzflut ins Mikrophon. Einem Neger gebührte dabei der Preis. „Der ist aber anders auf Ballhöhe als unser schöner Herbert“, meint der junge Sportskribent neben mir. Offenbar war der schwarze Brasilianer sogar dem Ball noch oft ein Stück voraus. Und eins steht fest: Dieser Hörbericht war viel spannender als das Spiel, das inzwischen auf weiten Strecken gemächlich dahinplätscherte.

Das Ganze war für uns eine sprachmimische Extravorstellung, weil wir kein Wort verstanden. Selbst der weitgereiste Mailänder Star-Reporter vor mir, der gerade erzählt hatte, Portugiesisch sei nichts anderes als ein alter Genueser Dialekt, mußte vor diesen Wortkaskaden kapitulieren. Nur wenn der Neger „Pelé“ sagte, den Ton auf dem zweiten e, dann konnte man auch etwas von seinen Modulationen ahnen. In der ersten Halbzeit, als die Deutschen drängten, klang das Pelé beschwörend mit zärtlichem Unterton, aber dann, als der Wundermann aus Santos das Siegestor zum 2:1 geschossen hatte, da wurde das Pelé wie mit Fanfaren hinausgeschmettert, und die Reportage endete in einem furiosen Triumphmarsch.

In den brasilianischen Elendsvierteln, den Favellas, ist Pelé Heiliger und Held zugleich.

Jedes Bein ist eine Million Dollar wert, ganz genau sind es sogar 1,25 Millionen, denn 2 1/2 Millionen Dollar = 10 Millionen Mark, hat Inter-Mailand ihm geboten. Aber ein Pelé kann nicht außer Landes gehen, das gäbe Revolution, meint der Italiener. Er ist ein Monument, Monumente lassen sich nicht transferieren.

Pelé schlägt Frankreich 3 : 2, schrieb eine Pariser Zeitung, als er dort, drei Tore, schoß und ihm damit der hat-trick gelang. In Hamburg schlugen Pelé und der Tormann Gilmar die Deutschen.

Daß diese Reise kein Honiglecken sein würde, wußten auch die Brasilianer. Trainer Feöla soll ja für 1966, für die nächste Weltmeisterschaft in England, schon jetzt wenigstens die Umrisse eines Teams bilden. 1966. werden die Helden von Santiago müde und zu alt sein, deshalb blieben auch die Garrinchas, Vavas, Didis usw. zu Hause, und die anderen, Amarildo und Santos etwa, sah man in Hamburg nur in der Pause ihre Zauberkunststückchen vorführen, magisch wie an einem unsichtbaren Faden tanzte da der Ball.

Vielleicht werden sie noch bei den schweren Spielen gebraucht, die jetzt kommen. Zuerst England und dann Italien. Ramsay, der 1966 ein englischer Herberger werden soll, und dort „Manager“ heißt, war als „Spion“ da, aber er lehnte den brasilianischen Ball ab, der für die Deutschen eine so große Umstellung bedeutete.