Provokation läßt sich abschleifen, auch wegspielen. Dreimal verspeist, ist sie keine mehr. Die „Dreigroschenoper“ wirkt bereits operettenhaft, wenn Staudte sie sich vornimmt.

Man hat sich mit dem epischen Theater arrangiert, seine Sprödigkeit ist konsumierbar geworden – das Brechtsche Bühnentalent, seine Einfälle sind längst zu Vehikeln geworden, auf denen man Gefälligkeit transportiert, seine Stücke „Erlebnisse“, die im Turnus eingebracht werden können, ohne daß einer Schaden nehme an seiner Seele oder einsehe, gar erkenne.

Das muß nicht so sein. Einen Beweis lieferte das kleine „Theater 53“, untergeschlüpft in einem Hamburger Vorortskeller, und sein Regisseur Otto Wilhelm. Sie wagten es und spielten zehn der vierundzwanzig Szenen aus „Furcht und Elend des Dritten Reiches“; für Hamburg übrigens eine Erstaufführung.

Holprig ging es zu, die Schauspieler rackerten sich redlich ab, es rumpelte in den Dekorationen, niemand scherte sich um kunstvolle Verfremdung – sie kam von allein.

Das Ergebnis: Alle standen sie auf der Bühne, die Drückeberger, die feigen Spießer und Angsthasen, die sich nicht auflehnten gegen Unrecht und Unterdrückung, der Pfarrer, ganz Gewissensnot und „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“, ein paar aufrecht-brummige Proletarier – und auch die Verfolgten, Leidenden.

Das war der eine Teil der Inszenierung, der andere machte die Angelegenheit wesentlich: Die Pausen zwischen den Szenen, eigentlich ausgefüllt mit Brechts belehrenden Versen, an der Rampe zu sprechen, nutzte Wilhelm ohne falsche Ehrfurcht vor dem Meister (und der hätte sich daran gefreut!) besser. Er ließ Hitler und seine Gesellen zu Wort kommen, ließ sie aus dem Lautsprecher schreien mit all der zynischen Aufrichtigkeit, die ihnen eigen war und die damals anscheinend niemand verstanden hat.

Man hörte die entsetzlichen „Kampf-Lieder und sah dazu alte Wochenschauen, deutsche Massen, dem Führer zujubelnd. Man sah die Karteikästen der Konzentrationslager, die Züge, die nach Osten rollten – und das elende Gepränge der Parteitage und mächtiges Sieg-Heil-Gegröhle. Oder das zerschossene Berlin, stumm auf der Leinwand, und dazu die Nationalhymne, fein in der Originalpartitur gespielt, deutsche Innigkeit, deutsche Barbarei.