Von Gustav-Wolter von Klot-Heydenfeldt

Unter den Briefen, die die Redaktion der ZEIT zum Metallarbeiterstreik erreichten, erscheint uns der nachfolgende eines Unternehmers bemerkenswert. Er zeigt, daß Arbeitgeber und Arbeitnehmer in der Wirklichkeit des wirtschaftlichen Alltags sich bereits viel näher sind, als es die wortgewaltigen Erklärungen der Funktionäre beider Seiten erkennen lassen.

Wir sind nun also weder am Streik noch an der Aussperrung vorbeigekommen. Die Tarifpartner konnten sich erst einigen, nachdem fiel volkswirtschaftliches „Porzellan“ zerschlagen worden war. Mir scheint, weder Streik noch Aussperrung passen in unsere Zeit. Denn ihre Folgen tragen wir alle zusammen und nicht etwa nur die streitenden Parteien.

Und wem der Streik und die Aussperrung wirklich einen Erfolg bringen wird, einen Erfolg, der nicht nur auf dem Papier steht, bleibt immer fraglich. Um so länger diese Auseinandersetzung dauert, um so ungünstiger ist die Endabrechnung. Sie wird nur Verlierer zeigen. In der gesamten Volkswirtschaft. In ganz besonderem Maße natürlich für die Arbeitnehmer, weil Kapital etwas „Totes“ ist, die Arbeiter aber etwas „Lebendiges“ sind. Und bezahlen müssen die Kosten des Streikes auch die Arbeitnehmer selbst, an erster Stelle die Lohnempfänger. Denn die Streikgelder fließen aus der Kasse, die sie mit ihren Beiträgen gefüllt haben. Weder die Unternehmer, noch die Geschäftsführer der Unternehmerverbände, noch die Gewerkschaftsführer müssen den Riemen enger schnallen.

Bei jedem Kampf um den Tariflohn kann man sich heutzutage des Eindruckes nicht erwehren, daß solche Machtkämpfe im Grunde dazu benutzt werden, um vom Wichtigsten, um das es in unserer modernen Gesellschaft geht, abzulenken. Ja, ich habe den Verdacht, daß hier ein stilles Komplott vorliegt. Man muß nämlich den latenten Kriegszustand aufrechterhalten, um die Daseinsberechtigung als notwendig nachweisen zu können.

Man kann heute nicht mehr wie einst sagen: Hie Kapital! – das ist die Macht, der du, Arbeiter, dich zu beugen hast, weil wir am längeren Hebelarm sitzen. Das Kapital als Macht der Mächtigen, wie es Marx sah, ist dahin. Kapital ist ein notwendiges Übel und eine notwendige Form, um Wirtschaft betreiben zu können, eine Organisationsform, nicht die Sache selbst, nicht etwas, das an sich existieren kann.

Machen wir uns doch klar, daß die Dinge in Wahrheit anders aussehen, als man es sich vor hundert Jahren vorstellte. Es ist doch so: Nur wenn die zwei zusammenkommen, lebt ein Unternehmen, wird verdient und gewonnen. Das Kapital stellt den Betrieb hin mit Gebäuden, Maschinen, Arbeitsplätzen und dem notwendigen Betriebskapital. Und der arbeitende Mensch (vom Generaldirektor bis zum Hilfsarbeiter, bis zur Putzfrau und zum Lehrling) macht es „lebendig“. Eines ohne das andere ist kein Unternehmen. Es ist nur eine Frage der Umrechnung und Abwägung, wer von den beiden den größeren oder geringeren Anteil einbringt, oder ob gar beide gleich bewertet werden müssen: Der, der die Gebäude, Maschinen zur Verfügung stellt, oder der, der die Arbeitskraft (Denk- und Handarbeit) dazutut.